Unsere wahre Natur, Silvia Chytil

Schon vor vielen Jahren lernte ich, dass Authentizität eine der wichtigsten Eigenschaften ist, um erfolgreich zu sein. „Du musst du selbst sein, du musst deine eigene Stimme finden, du darfst dich nicht verstellen.“ Nun, für mich klang das sehr logisch und da ich mir nicht wirklich sicher war, was meine wahre Natur ist, machte ich mich auf die Suche.

Ich absolvierte den Strengthsfinder-Test, beschäftigte mich intensiv mit den Big 5 und machte viele andere Persönlichkeitstests. Ja, die Ergebnisse waren spannend, zwar teilweise widersprechend, aber ich glaubte viel über mich zu lernen. Ich war introvertiert, Zukunft- und Lösungsorientiert und intuitiv. Also lebte ich danach. Kaum war ich in großer Gesellschaft und fühlte mich müde, poppte in mir die Erklärung auf – ja klar, du bist introvertiert, viele Menschen saugen dir viel Energie ab. Damit lernte ich, dass ich mich in großen Gruppen nur unter großer Anstrengung aufhalten konnte und davor gar reden, ging nahe an die Grenzen meiner Möglichkeiten. Dafür hielt ich meine Intuition hoch – das war etwas auf das ich vertrauen konnte, denn das bestätigten mir alle Tests.

Erst als ich mich näher mit den 3 Principals auseinandersetzte, kam langsam die Vermutung bei mir hoch, dass all diese Tests absolut gar nichts über meine wahre Natur aussagten. Denn je mehr ich mich damit beschäftigte, bemerkte ich dass ich manchmal liebend gerne alleine bin, dann aber wieder in großen Gruppen so richtig aufblühte. Dass ich manchmal eine sehr gute Intuition habe und dann wieder sehr analytisch an die Dinge.

Unsere wahre Natur ist keine Eigenschaft

Unsere wahre Natur ist aber keine Eigenschaft oder Vorliebe. Auch ist es kein Talent oder Stärke. Du bist sicher schon einmal einem Menschen begegnet, der eine ganz besondere Ausstrahlung hatte. Offen auf Menschen zugegangen ist, zugehört hat, wenn jemand etwas erzählt hat. In der Nähe dieser Personen fühlen wir uns wohl, wir haben nicht das Gefühl ständig unter Beobachtung zu stehen oder vorverurteilt zu werden. Diese Personen haben das „gewisse Etwas“. Aber auch Lokale oder Unternehmen können das gewisse Etwas besitzen. Es ist dieser Geist, Spirit, die Seele, das Herz, dass wir fühlen, aber nicht beschreiben können, denn sobald wir versuchen es in Wörter zu fassen, ist diese Magie verloren. Es liegt hinter den Wörtern und Begriffen.

Unsere wahre Natur liegt hinter allen Begriffen und Beschreibungen. Wir müssen nach einem Gefühl schauen, ein wohliges, warmes Gefühl. Klick um zu Tweeten

Auch wenn wir uns schlecht fühlen, ist unser wahre Natur bei uns

Ich hatte dieses tiefe, warme Gefühl, meine wahre Natur, schon einige Male in mir gespürt, ohne erklären zu können, woher es kommt und was es eigentlich bedeutet. Bei einem schönen Sonnenuntergang oder auch, als ich das erste Mal meinen Sohn in meinem Arm hielt.

Aber ich hatte dieses tiefe Gefühl auch, als meine Mutter starb. Ihr Todestag war genau heute vor 4 Jahren. Meine Mutter war sehr lange schwer krank. Die letzten 6 Monate war sie in ihrem Körper gefangen. Sie bekam wenig von der Außenwelt mit, zumindest nahmen wir, als ihre Familie es so wahr. Ein paar Tage vor ihrem Tod hatte sie einen Schlaganfall und dämmerte nur noch vor sich hin. An ihrem letzten Morgen rief mich eine Schwester um 5 Uhr in der Früh an und meinte, dass es wohl mit ihr zu Ende ginge. Ich fuhr sofort ins Krankenhaus und setzte mich zu ihr. Sie sah sehr verkrampft aus, als ob sie kämpfen würde. Sie hatte sehr viel in den letzten Jahren gekämpft, auch das eine oder andere Mal mit dem Tod. Diesmal kämpfte sie wohl ihren letzten Kampf.

Ich saß neben ihr, hielt ihre Hand, redete mir ihr, schrieb ein paar Zeilen. Gegen 11 Uhr ging ich hinunter ins Kaffeehaus und kaufte mir ein Frühstück. Als ich zurück kam, bemerkte ich, dass sie ganz ruhig atmete. Sie sah so friedlich aus. Fast als ob sie lächeln würde. Dann änderte sich plötzlich ihr Atem. Er ging sehr langsam. Die Abstände zwischen ein- und ausatmen wurden immer länger. Bis sie noch einen tiefen Atemzug nahm und diese Erde verließ.

So unglaublich das auch klingen mag und so traurig der Abschied für mich war, aber in dieser Zeit, in der ich bei meiner Mutter war und sie beim Sterben begleitet, hatte ich ein tiefes, friedliches Gefühl in mir. Meine „äußere“ Schicht weinte, war traurig, wollte nicht, dass sie ging. Aber tief drinnen gab es ein anderes Ich. Ein Ich, dass ganz ruhig war und wusste, dass es ok ist, genauso wie es war. Es war ein tiefes Gefühl von Liebe, Wärme, Ruhe, Stärke, von Wohlbefinden.

Unsere wahre Natur ist ein Gefühl

Heute weiß ich, dass genau dieses Gefühl unsere wahre Natur ist. Wenn wir diese wahre Natur fühlen und begreifen, dann fällt es uns ganz schwer, diesen Zustand in Wörter zu fassen. Denn dieses Gefühl ist jenseits jeder Wörter, jedes Begriffes, jeder Beschreibung. Es ist ein Gefühl, dass nur gefühlt werden kann und nicht beschrieben.

Denke an einen Moment, an dem du dich voller Liebe gefühlt hast. Es war vielleicht ein Moment, den du mit deinen Liebsten verbracht hast. Oder als du einen traumhaften Sonnenuntergang beobachtet hast, der dir den Atem raubte. Oder als du jung warst, du Liebeskummer hattest und dich eine liebe Person in den Arm genommen hat, dich getröstet und dir dein Lieblingsgetränk gebracht hat.

Wenn du dieses Gefühl beschreiben möchtest, dann fehlen dir wahrscheinlich die Worte. Denn keines passt wirklich. Es ist nicht Zufriedenheit, Freude, Glück. Am ehesten passt noch tiefe, uneingeschränkte Liebe. Oder mit tiefer Dankbarkeit.

Es ist anders als alle Gefühle und Emotionen

Aber es ist nicht nur mit schönen Situationen verbunden, denn dieses Gefühl ist unabhängig von dem, was im Außen passiert. Es hüllt uns auch ein, wenn wir einen unserer wichtigsten (oder den wichtigsten) Menschen im Leben verlieren. Wenn uns ein Schicksalsschlag trifft oder eine Naturkatastrophe ereilt. Unsere äußere Hülle ist zwar damit beschäftigt, traurig, wütend, ängstlich, ärgerlich zu sein. Unsere wahre Natur sagt uns jedoch: Es ist alles ok, genauso, wie es ist.

Dieses Gefühl ist so anders als die Gefühle und Emotionen, die wir im Normalfall tagtäglich erleben. Es ist unabhängig von Situationen und Menschen und größer, weiter, tiefer als jedes andere Gefühl, das wir im Alltag erfahren. Am ehesten ist es zu vergleichen mit dem Gefühl, dass wir als Baby erfahren haben, wenn uns unsere Mutter oder andere Bezugsperson im Arm gehalten und gewiegt hat. Es ist einfach mit nichts anderen vergleichbar. Es ist einzigartig.

Wann immer es dir gerade nicht gut geht und du eine schützende Hülle brauchst, dann suche nach diesem Gefühl. Denn ganz tief in dir drinnen gibt es dieses Gefühl. Nimm dir etwas Zeit, suche dir einen schönen Ort und spüre ganz tief in dich hinein. Ganz gleich, was im Außen passiert oder was du dir gerade denkst, deine wahre Natur, dieses wohlige Gefühl ist immer für dich das und flüstert dir zu: Es ist alles ok! Es geht dir gut.

Wenn du das spüren kannst, dann bist du gewappnet für alle Hochs und Tiefs, die das Leben mit sich bringt. Und die ganze Welt schaut gleich viel freundlicher aus ❤️.

Alles Liebe