Business Coach, Silvia Chytil

Gestern gab ich wieder meinen monatlichen Kreativitäts-Workshop. 15 JungunternehmerInnen sitzen vor mir und erwarten, dass ich ihnen Kniffe, Tricks und Tipps gebe, wie sie ihre Kreativität in Schwung bringen und sie mehr davon in ihrem Business integrieren können.

Was sie allerdings bekommen, ist etwas ganz anderes. Sie bekommen einen Ausflug in ihr Inneres, sie bekommen eine neue Sichtweise auf Leben. Die Reaktionen sind ganz unterschiedlich. Einige sind sehr dankbar, dass sie einen neuen Blick auf ihr Tun bekommen. Bei manchen kann ich direkt sehen, wie sich ein schwerer Mantel von ihren Schultern löst. Sie fühlen sich extrem befreit, weil sie endlich Bestätigung für das bekommen, was sie schön längst gefühlt hatten. Ein paar wenige gehen in Widerstand zu dem, was sie hören. Es widerspricht ihren bisherigen Überzeugungen.

Wenn du mich vor 2 Jahren gefragt hättest, was für mich Kreativität ist und ob ich mich selbst als kreativ empfinde, hätte ich geantwortet: Nein. Denn Kreativität zeigt sich vor allem im künstlerischen Bereich und ich kann weder singen, tanzen, zeichnen noch ein Instrument spielen – also bin ich sicher nicht kreativ. Heute sage ich voller Begeisterung und Überzeugung: Ja, ich bin kreativ. Ich bin pure Kreativität! Ich kann zwar noch immer nicht singen, tanzen und zeichnen, aber ich habe erkannt, dass diese Dinge zwar ein Ausdruck der Kreativität sind, aber mit der eigentlichen Kreativität nichts zu tun haben.

In diesen Workshops sowie auch in meiner Arbeit mit KundInnen, in meinen Artikeln oder auch im UnternehmerGeist Magazin versuche ich Worte, Metapher, Beispiele für etwas zu finden, was so wahnsinnig schwer zu beschreiben ist.  Denn wie beschreibt man das Gefühl, wenn wir uns voller Energie und Begeisterung einer Sache zuwenden, neue Ideen und Gedanken nur so durch uns durchfließen, sich alles leicht und einfach anfühlt, wir überall Möglichkeiten sehen und wir alles ausprobieren, wozu wir gerade Lust haben. Ist es Kreativität? Ist es Flow? Ist es angstfrei? Ist es mutig?

Ein neues Verständnis verändert die Sichtweise

Als ich mir gestern in der Mittagspause im Park die Beine vertrat, dachte ich genau darüber nach und auch warum sich mein Zugang zur Kreativität so sehr verändert hatte. Ja, ich beschäftigte mich in den letzten zwei Jahren viel damit, lernte das Inside-Out Understanding kennen, las viel.

Aber eigentlich ist nur eines passiert: Die Geschichte, die ich mir selbst zum Wort Kreativität erzähle, hat sich verändert. Ich habe ein anderes Verständnis, eine andere Einstellung. Ich fülle mein Gefäß mit neuen Bedeutungen.

Wir Menschen lieben Techniken und Tools. Es klingt so einfach: Mache diese sieben Schritte und schon bist du erfolgreicher, kreativer, gesünder, reicher, motivierter. Was wir aber dabei übersehen ist, dass Erfolg, Reichtum. Motivation, Kreativität usw. keine Dinge sind, die wir uns im Supermarkt kaufen können.

Vielmehr deuten all diese Begriffe auf ein Gefühl hin. Ein Gefühl, deren Bedeutung so individuell und einzigartig ist, wie wir Menschen es sind. Für mich hat Erfolg und Kreativität eine ganz andere Bedeutung und bringt ein ganz anderes Gefühl hervor, als es das in dir tut.

Wörter sind nur Hülsen

Wir schmeißen mit Worten, Begriffen und Bedeutungen herum und gehen wie selbstverständlich davon aus, dass jeder genau weiß, was wir meinen.
Aber das ist leider nicht richtig, denn Worte spiegeln ganz etwas anderes wider.  Wörter sind Hülsen, sind Gefäße, die von uns mit Bedeutung gefüllt werden. Jeder Begriff, jedes Wort steht niemals alleine für die Sache. Jetzt ist es bei einem Tisch vielleicht noch einfach – eine Tischplatte mit ein bis mehrere Beine. Und doch sieht jeder bei dem Wort Tisch einen anderen Tisch in seinen Gedanken, mit einer anderen Geschichte, anderen Erinnerungen. Die einen sehen den Esszimmertisch aus ihrer Kindheit, auf dem immer duftendes Essen bereitstand. Der andere sieht den Couchtisch, an dem er zum ersten Mal von seiner heutigen Partnerin geküsst wurde. Oder den Schreibtisch, an dem das Buch entstand oder der ausgezogene Tisch an dem Feste bis spät in die Nacht gefeiert wurden.

Wenn ein einfacher Gegenstand wie ein Tisch schon so eine Geschichte in sich trägt, wie verhält es sich dann erst mit so schwammigen Worten wie Erfolg, Kreativität, Produktivität, Reichtum, Effizienz und viele, viele weitere Begriffe, mit denen wir freimütig um uns werfen.

Wir sind uns der individuellen, sehr persönlichen Geschichte nicht bewusst. Wir glauben, dass das Wort das eigentliche Ding IST. Und jeder hat die Wahrheit über diese Sichtweise gepachtet.

Im Seminar gestern entbrannte eine kurze Diskussion über „Perfektionismus“. Eine Teilnehmerin erzählte, wie schwer sie sich mit ihrem eigenen Wunsch nach „perfekt“ tut, wie sehr sie sich zwingen müsse, nicht zu sehr in diese Falle zu tappen. Ein anderer Teilnehmer warf ein, dass für ihn der Perfektionismus wichtig sei, weil er dann dranbleibt und das für ihn ein Markenzeichen ist. Es ging eine Weile hin und her – jeder verteidigte seine persönliche Geschichte, die sie mit dem Wort Perfektionismus verbanden.

Die Wahrheit liegt dahinter

Nun, aus solchen Diskussionen, welche Erzählung nun die wahrere sei, sind viele Kriege, Scheidungen, Prozesse und vermutlich auch Morde entstanden. Denn manchmal identifizieren wir uns so sehr mit einzelnen Worten, dass jegliche konträre Sichtweise zu einem persönlichen Affront wird, der unbedingt niedergeschlagen werden muss.

Wenn ich früher in meinen Seminaren bei einzelnen Teilnehmer Widerstand erkannte, dann hat mich das immer sehr verunsichert. Was habe ich falsch gemacht? Wie kann ich den- oder diejenige wieder auf meine Seite bringen? Ich wollte Harmonie, ich wollte, dass alle zufrieden waren mit mir. Ich wollte, dass sie meiner eigenen Geschichte zustimmten.

Heute kann ich erkennen, dass Worte, Begriffe, Erfahrungen, Beispiele und Erkenntnisse, die ich mit meinen Kunden und Teilnehmer teile, entweder mit deren Geschichte harmonieren, diese unterstützen und sie befreien oder aber viel zu konträr zu ihren inneren Erzählungen sind, sodass sie in Widerstand gehen. Aber dieser Widerstand hat nichts mit mir, meinem Wissen oder Vortragskompetenz zu tun, sondern liegt ausschließlich an der Inkompatibilität unserer individuellen Geschichten.

So wie eine Landkarte niemals das Gebiet selbst ist, repräsentieren Worte und Begriffe immer nur unsere eigenen Erinnerungen und Erfahrungen. Hier auf die Wahrheit zu pochen, führt nur zu Stress, Streit und Kampf.

Vielleicht gelingt es uns stattdessen zu erkennen, dass Worte immer nur auf unsere persönlichen und individuellen Geschichten hinweisen und vielleicht gelingt es uns dadurch auch mehr Respekt und Anerkennung aufzubringen, sowohl für unsere eigenen Erzählungen als auch für die, die sich in den Köpfen unseres Gegenübers abspielen.

Worte sind nicht die Wahrheit. Geschichten sind nicht die Wahrheit. Die Wahrheit liegt dahinter. Sobald wir das erkennen, stellen wir fest, dass unsere Wahrheit sich nicht mehr so sehr von der der Anderen unterscheidet.

Alles Liebe