Die Welt neu sehen, Silvia Chytil

Ich habe ein neues Hobby entdeckt: Schwimmen. Jetzt musst du wissen, dass ich mein Leben lang nicht gerne im Wasser war. Ich war zwar immer schon gerne am Wasser, aber weniger gerne im kühlen Nass. So konnte ich zwei Wochen am Meer verbringen, ohne auch nur einmal wirklich drinnen geschwommen zu sein.

Umso mehr war ich über mich überrascht, als plötzlich der Gedanke hochkam: Ich möchte schwimmen lernen. Und zwar richtig. Mit Trainerin. Kraulen, mit richtiger Atmung und richtigem Bein-Kick. Seitdem verbringe ich jeden zweiten Tag einige Zeit im Schwimmbad bei mir in der Nähe und übe und trainiere und schlucke viel Wasser.

Und noch etwas überrascht mich bei mir selbst: Dass ich mich plötzlich dem Lernprozess mit Hingabe und Neugier widme.

Denn bis vor nicht allzu langer Zeit, war ich davon überzeugt, dass ich eigentlich alles schon können muss, sobald ich mich damit befasse. Denn wenn ich es nicht kann, bedeutet das, dass ich zu dumm dafür bin, dass andere mich auslachen werden, weil ich es nicht kann und dass ich das sowieso nie können werde.

Irgendwann im Laufe des Erwachsenwerdens hat sich bei mir der Glaube festgesetzt, dass ich alles können muss. Und zwar perfekt. Dass ich nichts mehr lernen brauche, sondern alles wissen und können muss.

Was für ein absurder Gedanke!

Dadurch ergaben sich zwei Folgen: Erstens lernte ich viele Dinge nicht, die mich eigentlich interessierten. Zum Beispiel wollte ich Schauspiel Unterricht nehmen – aber … wie peinlich, wenn ich das nicht sofort kann. Oder ich wollte Sprech-Training nehmen. Aber wieder – wie peinlich, wenn ich nicht auf Anhieb alle mit meinem Können vom Hocker haue.

Das zweite Problem, dass sich dadurch ergab: Ich entdeckte überall das Unperfekte. Und das war wirklich ein Problem, denn alles, was ich tat und auch im Außen wahrnahm, war, dass ich noch besser werden musste und dass alles andere rund um mich besser war als ich oder auch noch verbesserungswürdig war.

Die ganze Welt war unperfekt und mit Fehler behaftet. Was für eine Welt…

Das reine Chaos

Natürlich stehe ich mit diesem Glauben nicht alleine da. Wir wachsen damit auf, dass wir voller Fehler sind. Nicht das, was wir können, wird in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gelenkt. Nein, der Fokus liegt auf Fehler und jede Anstrengung zu unternehmen, dass keine Fehler mehr passieren. Es ging nicht darum, sich dem Lernprozess mit Freude und Neugier hinzugeben, sondern einzig und alleine, Fehler zu vermeiden. Mit welchen Mittel auch immer.

Was von dieser Erziehung überbleibt, ist ein sehr geschultes Auge für Fehler und Falsches. Und dem Wahn, dass alles perfekt sein muss.

Und dann gehe ich in die Natur und blicke mich um. Schiefe Bäume, unebene Böden, Früchte haben Dellen und Furchen, Pflanzen wachsen wild durcheinander. Keine Ordnung, alles ist ein heilloses Durcheinander. Das reine Chaos!

Wo bitte ist die perfekte Welt?

Oder aber ist die Welt so perfekt, weil sie so schön unperfekt ist? Weil Leben ständig dazu lernt, Neues ausprobiert und Altes, nicht brauchbares einfach aus dem Sortiment wirft. Ohne ewig daran festzuhalten, an sich zu zweifeln oder sich Vorwürfe zu machen, warum es nicht sofort, beim ersten Mal geklappt hat.

Das Leben lädt dich ein

Was möchtest du alles lernen oder können, aber traust dich nicht? Oder denkst, es ist verschwendete Zeit, Energie, Geld. Du tust es nicht, weil du damit kein Geld verdienst. Weil es keinen Zweck erfüllt, weil es dich nicht schöner, reicher, besser, berühmter, schlanker, erfolgreicher etc. macht. Oder du denkst dir, dass du dich blamieren wirst oder du zu alt, zu jung, zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein, zu … bist.

Ich bin mir ganz sicher, dass auch du irgendeinen Wunsch in dir trägst und ihn schon ganz lange vor dich hinschiebst. Du es irgendwann mal machen wirst. Oder vielleicht auch nie.

Aber hey – das Leben ist ein Spiel und dieses Spiel lädt dich tagtäglich zum Mitmachen ein. Es klopft immer wieder an deine Türe und fragt, ob du vielleicht heute mit ihm spielen gehen möchtest. Durch den Regen tanzen, in Wasserlacken hüpfen, auf Bäume klettern, im See schwimmen möchtest.

Weil du gut genug bist, genau so wie du gerade bist und was du derzeit kannst. Du darfst dazu lernen, Fehler machen, dich blamieren, mutig sein und ganz viel über dich lachen.

Und vielleicht, das nächste Mal, wenn es wieder klopft, dann schließt du nicht wieder die Türe, weil du zu viel zu tun hast. Oder du aus diesem kindischen Alter draußen bist und du professionell und seriös sein möchtest. Oder es eigentlich keinen Sinn ergibt und du damit auch kein Geld verdienen kannst. Oder, weil du dich blamieren könntest oder gar verletzen (physisch und psychisch).

Lass die ganzen alten Sätze hinter dir, die dir sagen, dass du das nicht kannst, nicht tun oder eigentlich schon längst können solltest, und stattdessen geh mit dem Leben mit. Vielleicht am Anfang zaghaft und vorsichtig. Aber nimm die Einladung ein, lass dich verführen, sei so unperfekt, wie du nur sein kannst. Mach Fehler, sei verspielt, probiere aus, lerne dazu.

Wirklich! Trau dich, trau dich, trau dich.

Du hast nichts zu verlieren und alles zu gewinnen!

Alles Liebe