Business Coach, Silvia Chytil

Meinen ersten Tag am Jakobsweg wollte ich um 9 Uhr starten. Ich hatte eine knapp 20 km Strecke gewählt und so wollte ich zeitig los. Aber so einen Rucksack zu packen, stellte sich für mich als große Herausforderung dar. Auch nach vielen Mal Probe packen, benötigte ich immer noch gut eine Stunde, bis diese vielen kleinen Dinge endgültig im Rucksack verstaut waren. Und ich diesen auch auf meinem Schultern tragen konnte, ohne dass es mich rücklings zu Boden warf und ich hilflos, wie ein Käfer am Rücken landete.

Um 10.30 war es dann endlich so weit: Ich machte meine ersten Schritte als Pilgerin, obwohl ich mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht als diese fühlte. Wie fühlte ich mich? Eigentlich als gar nichts. Ich ging einfach am Meer entlang, mit ein paar Kilo zu viel am Rücken.

Der erste Tag war kein High-Light. Mir war ständig heiß, die Schulter verkrampfte sich alle 30 Minuten, sodass ich stehen bleiben und den Rucksack abstellen musste. Wenn ich weiter in diesem Schneckentempo marschierte, würde ich Santiago in zwei Monaten noch nicht erreicht haben.

Um 16.30 hatte ich immer noch 7,5 km vor mir. Obwohl ich bereits mehr als 20 km gegangen war. Die Angaben in Reiseführer und Apps waren entweder alle zusammen falsch oder ich musste irgendwo einen riesigen Umweg gegangen sein.

Auf alle Fälle war ich fix und fertig. Mir war den ganzen Tag heiß, obwohl es etwas bewölkt und knapp über 20 Grad hatte, ich war komplett verschwitzt, meine Schulter schmerzte. Ich war ständig damit beschäftigt meinen Körper zu beobachten. Bildet sich irgendwo eine Blase? Ist das ein Schmerz, dem ich Aufmerksamkeit schenken muss? Überanstrenge ich mich nicht?

Ich hatte genug. Für heute. Für immer?! Gehen ist anstrengend und ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung, warum ich mich auf dem Jakobsweg begeben habe.

Ich gehe gerne. Mit meinem Hund spazieren. Aber 20 km in der prallen Sonne, mit 12 kg am Rucksack geschnallt? Wie kam ich nur auf die absurde Idee, dass mir das Spaß machen könnte?

Nachdem ich, fast mit letzter Kraft (ok, das ist vermutlich übertrieben, aber es fühlte sich für mich so an), einen kleinen Supermarkt fand und mir eine Flasche Wasser kaufte, entschied ich sehr spontan, für die letzten 7 km ein Taxi zu nehmen. Es brachte mich zu dem vorgebuchten Hotel, ich genoss eine heiße Dusche, trank ein kühles Bier und nahm ein wohlduftendes Reisgericht in einem nahegelegenen Restaurant zu mir.

Wem wollen wir etwas beweisen?

Obwohl dieser Abschluss des Tages herrlich war, beschäftigte mich ein Gedanke, seit dem Moment, in dem ich in das Taxi stieg: Gab ich zu schnell auf? Hätte ich die Distanz bis zum Ende gehen sollen? Gebe ich generell zu schnell auf? Wähle ich immer den einfachen Weg, wenn es ein wenig schwieriger wird?

Nur – wem hätte ich etwas beweisen sollen? Hätte ich mich besser gefühlt, wenn ich alles gegangen wäre? Bin ich eine Schummlerin, weil ich mich ein paar Kilometer habe führen lassen?

Ich war an diesem ersten Abend hin- und hergerissen zwischen schlechtem Gewissen (ich bin keine echte Pilgerin, wenn ich mit dem Taxi fahre), der Angst, es nie zu etwas zu bringen, wenn ich immer so schnell aufgebe und der Erleichterung, die letzten 7 km nicht mehr gehen zu müssen. Zwar fühlte sich die Entscheidung für mich richtig an, aber ganz klar: Ich war weit davon entfernt, klare und eindeutige Entscheidungen für mich zu treffen, ohne dass zweifelnde und abwertende Gedanken in mir auftauchten.

Wie entscheiden wir im „normalen“  Leben, wie viel Anstrengung akzeptabel für uns ist und wann es angemessen ist, den einfachen Weg zu wählen? Wann ist es ok und wann nicht?

Wir leben in einer leistungsorientierten Gesellschaft. Wir werden dazu angehalten, über unsere Grenzen zu gehen und uns anzustrengen, denn sonst würden wir nichts erreichen. Aber bei all dem Druck und Stress, den wir von außen mitbekommen und in uns einsaugen, haben wir da nicht verlernt, auf uns zu hören? Was ist richtig und wichtig für mich? Was sagt mein Körper? Was sagt meine Seele?

Ständig sagt uns jemand, was wir zu tun haben und was wir lassen sollen. Im Leben: du musst so und so viel verdienen, brauchst diese Figur, darfst das essen, brauchst jenes Auto, so und so viele Kinder. Im Business: diesen Umsatz, so viele Follower, diesen Plan, diese Strategie.

Dazu werden wir überflutet mit guten Tipps und Tricks, wie wir es denn endlich schaffen, so zu werden, wie uns laute Werbe-Spots und Marketing-Gurus vorgaukeln.

Aber ist es auch das, was wir wollen? Ist es auch das, was uns zufrieden macht und erfüllt?

Wann haben wir aufgehört, auf uns zu hören? Bereits in der Kindheit, als Erwachsene uns sagten, dass „es doch nicht so schlimm sei“, wenn es sich für uns aber sehr schlimm angefühlt hat? Oder uns gesagt wurde, dass wir als Junge nicht heulen sollen, wie kleine Mädchen, wenn uns aber sowas von zum Heulen war. Oder uns Mädchen gesagt wurde, dass wir lieb und nett sein sollen, anstatt auf unser Recht zu pochen?

Wir haben die Freiheit

Ich habe in den letzten Jahren mühsam (wieder)gelernt, auf mich zu hören. So sehr war ich zugemüllt mit „du sollst“ und „du musst“, dass ich dabei ganz vergessen habe, was ich will. Was sich daran zeigte, dass ich viele meiner Entscheidungen infrage stellte und ständig hin- und hergerissen war.

Auf uns selbst zu hören, bedeutet nicht egoistisch zu sein. Wir haben Angst davor, dass Leute sagen könnten: „Du tust immer nur das, was du möchtest.“ Aber egoistisch werden wir, wenn wir uns zu sehr nach dem Außen richten und plötzlich, mit voller Wucht, ohne Rücksicht auf Verluste, unseren eigenen Kopf durchsetzen wollen.

Meiner Erfahrung nach, macht es uns empathischer und feinfühliger, wenn wir „auf uns selbst hören“. Behalten wir „uns“ im Auge, beachten wir gleichzeitig auch immer das Wohl anderer. „Auf uns selbst hören“ macht uns zu besseren Menschen.

Wir dürfen uns schlecht fühlen, wenn wir uns schlecht fühlen. Wir dürfen uns freuen, wenn wir etwas Großartiges erlebt haben. Wir dürfen stolz auf uns sein, uns ängstigen, wütend werden. Wir dürfen in unserem Tempo und den Weg gehen, den wir für richtig halten. Wir dürfen „aufgeben“, wenn es sich für uns richtig anfühlt oder aber noch 10 km weitergehen, wenn wir die Ausdauer und Kraft dazu haben.

Es gibt niemanden da draußen, der weiß, wie es in uns aussieht, was wir denken und fühlen. Welche Erfahrungen und Erlebnisse wir hatten. Und somit kann es auch niemanden anderen geben, der uns sagt, was wir tun oder lassen sollen, außer uns selbst. Berauben wir uns dieser Freiheit, machen wir uns zu Opfern und zu Marionetten.

Wir können jedoch jederzeit die Fäden durchschneiden und selbst Verantwortung für uns übernehmen. Für unsere Entscheidungen und Handlungen, aber auch für unsere Gefühle und Gedanken. Natürlich haben wir dann niemanden mehr, dem wir die Schuld an unserem Leben geben können.

Dafür erhalten wir das Gefühl zurück, selbstbestimmt und frei durchs Leben zu gehen.

Und das ist ein unbezahlbares Gefühl.

Alles Liebe