Inside Out, Magazin, Silvia Chytil

Zwei Monate im Jahr übernachten mein Mann Bert und ich in unterschiedlichen Zimmern.

Nicht weil der Haussegen schief hängt, sondern weil sich die Frösche in unserem Biotop lautstark zu Wort melden. Als wir unser Haus bauten, fanden wir es sehr romantisch, einen Naturteich unmittelbar vor der Terrasse zu haben. Wir wussten zwar, dass sich Frösche ansiedeln werden, hatten allerdings nicht einmal im Ansatz eine Vorstellung, welchen ohrenbetäubenden Lärm diese kleinen Tiere im paarungsfreudigen Zustand machen können.

In den ersten Jahren fanden wir beide das Quaken als eine sehr große Belastung. Wir konnten wählen zwischen offenem Fenster, frischer Luft und Lärm oder geschlossenem Fenster und Hitze. Im vierten Jahr überlegten wir den Teich gegen einen Pool auszutauschen. Letztendlich gewann allerdings doch das Biotop, es war und bleibt ja doch ein optischer Augenschmaus.

Und dann passierte etwas Eigenartiges: Mit dieser Entscheidung legte sich bei mir ein Schalter um. Mich störten die Frösche plötzlich nicht mehr. Natürlich hörte ich sie nach wie vor, aber in mir entstand kein Ärger oder Groll mehr darüber. Seitdem schlafe ich friedlich, auch bei offenem Fenster, während mein Mann wutentbrannt aus dem Schlafgemach flieht und diese paar Wochen in einem anderen, ruhigeren Zimmer verbringt.

Vermutlich hast auch du so einen Trigger, der dein Blut in Wallung bringt. Der morgendliche Stau, der bevorstehende Launch, der cholerische Chef, die zickige Nachbarin.

Bei einer Freundin war es der stetig steigende Fluglärm und sie dachte tatsächlich darüber nach, ihr neugebautes Haus wieder zu verkaufen, weil sie der Lärm so stresste. Eine Kundin von mir wollte ihr Business aufgeben, weil ihr der ständige Kampf um neue Kunden die Nachtruhe raubte.

Ganz gleich, was wir in unseren Emotions-Topf hineinwerfen, es löst bei uns Ärger, Stress, Druck, Ängste, Wut aus und für uns sieht es so aus, als wäre das Ding oder die Situation Auslöser unserer negativen Gefühle.

Struktur und Inhalt

Aber das alles ist nur Inhalt und austauschbar. Die Kunden, der Chef, die Flugzeuge, die Nachbarn, das Geld, der Job oder eben auch die Frösche. Wir glauben, wenn die Welt da draußen anders wäre, dann wäre meine eigene, kleine Welt besser, friedlicher und angenehmer.

Nur die Dinge da draußen sind nicht wirklich Ursache für unser Wohlbefinden.  Wir sagen zwar oft: Jemand drückt bei uns einen Knopf. Und schon richtet sich auch unsere gesamte Aufmerksamkeit ausschließlich auf das Ding, die Person oder Situation, die vermeintlich für unsere schlechten Gefühle verantwortlich sind.  Schauen wir aber genauer hin, dann erkennen wir, dass Ärger, Wut, Stress, Ängste, Druck ausschließlich in uns entstehen. Der Inhalt wechselt, und ist von Mensch zu Mensch, von Situation zu Situation, von Stimmungslage zu Stimmungslage unterschiedlich. Solange wir uns jedoch ausschließlich mit dem Inhalt beschäftigen, was wir in den meisten Fällen tun, kommen wir nicht zum eigentlichen Kern des Übels.

Viel spannender und wirkungsvoller ist es nämlich, wenn wir tiefer gehen und die Struktur unseres Ärgers (Wut, Angst, Stress, …) erkennen. Und das ist ein automatisierter, innerer Prozess, der bei uns Menschen immer gleich abläuft.  Allerdings, solange er uns nicht bewusst ist, befindet er sich unter unserer Wahrnehmungsgrenze.

Stell dir ein Buch vor. Die Geschichte ist der Inhalt, dieser wechselt von Buch zu Buch. Die Struktur eines Buches: Titel – Anfang – Mitte – Ende, bleibt immer gleich. Alles rundherum wie Autor, Sprache, Größe, Umfang, Geschichte, das alles ist der Inhalt und ist variabel.

Der Ablauf (die Struktur)

1. Gedanke

Es beginnt immer mit einem Gedanken (bewusst oder unbewusst), den wir im Moment haben: Das darf nicht sein, so kann man nicht mit mir umgehen, das hat katastrophale Folgen, das habe ich nicht verdient, das ist unfair oder ähnliches.

2. Gefühl

Als Nächstes mischt sich ein Gefühl dazu. Wir fühlen uns schlecht, ungerecht oder falsch behandelt, haben das Gefühl in einer Falle zu sitzen und fühlen uns machtlos. Wut, Angst, Ärger, Sorgen oder Stress machen sich breit.

3. Reaktion

Wir überlegen uns, wie wir schnellstens aus dieser Sache wieder herauskommen und setzen eine Aktion. Brüllen, Türe zuschlagen, in sich hineinfressen. Wir analysieren, denken noch mehr darüber nach, es entstehen noch mehr negative Gefühle und das Rad dreht sich weiter und weiter.

Und vollkommen richtig, davor mag etwas im Außen passiert sein. Muss aber nicht. Denk nur an die schlaflosen Nächte, in denen es keinen unmittelbaren Auslöser im Außen gibt. Unsere Reaktionen zielen immer auf unsere Gedanken ab, sowohl bewusste als auch unbewusste. Wären es die Frösche, dann müsste ich nach wie vor Ärger verspüren. Alle Menschen auf dieser Welt müssten sich ganz fürchterlich über Frosch-Gequake aufregen. Tun sie aber nicht. Weil es nicht die Frösche sind, sondern das, was wir im Moment über die Frösche denken und welche Geschichte wir uns dazu erzählen. Habe ich sie früher als Quälgeister abgestempelt, finde ich sie heute süß. Nicht die Frösche haben sich geändert, sondern meine innere Einstellung und meine Gedanken dazu. Und dadurch entwickeln sich auch andere Gefühle in mir.

Wir leben in einer Inside-Out Welt

Der Ablauf, die Struktur ist immer, immer gleich! Auch wenn wir das Gefühl haben, dass irgendetwas da draußen unser negatives (und auch positives) Gefühl auslöst, sind es doch immer die Gedanken, die wir jetzt, in diesem Moment, dazu haben. Noch bis vor einigen hundert Jahren dachten die Menschen, dass sich die Sonne um die Erde dreht. Obwohl wir heute wissen, dass das nicht der Fall ist, sprechen wir nach wie vor von Sonnenauf- und -untergang und nehmen es auch so wahr. Obwohl wir wissen, dass das nicht stimmt, spielt uns unser System weiterhin diese Illusion vor.

Bei unseren Gefühlen ist es genau dasselbe, nur da ist es uns noch nicht so bewusst, und wir tappen nach wie vor in die Falle. Das, was uns unser System vorspielt, erscheint uns zwar als Realität, ist es aber nicht. Es täuscht uns. Nicht, weil es uns verärgern möchte, sondern weil wir Menschen so gebaut sind. David Bohm sagte: «Gedanken erschaffen unsere Realität und sagen dann, sie waren es nicht.»

Gemeint ist, dass jedes Gefühl, dass in uns entsteht und jede Wahrnehmung, die wir haben, durch Gedanken entstehen, die wir in diesem bestimmten Moment haben. Jede Art der Unsicherheit, die wir verspüren, entsteht von Moment zu Moment durch die Kraft der Gedanken. Sie sind wie Wellen im Ozean, mal sind sie stark, mal kaum spürbar. Das, was wir erleben, ist immer ein Gedanken-kreiertes Erlebnis.

Auch wenn es sich sehr real anfühlt und wir es nicht immer erkennen können, gestalten wir unsere Erfahrungen doch immer von innen nach außen. Du brauchst das auch nicht zu glauben, sondern kannst es selbst für dich feststellen. Das nächste Mal, wenn Ärger, Stress, Wut, aber auch Freude in dir entsteht, halte kurz inne und frage dich:

Kann ich die Gedanken erkennen, die ich unmittelbar davor denke oder die mich zu diesem Thema beschäftigen?

Tritt Ärger, Wut, Stress, Freude immer in dieser Situation auf oder gibt es auch Ausnahmen? Woher kommen diese Ausnahmen?

Wenn es das Außen wäre, müssten nicht alle Menschen die gleichen Gefühle dazu haben? Warum haben sie es nicht?

Ganz sicher ist es nicht einfach, diese neue Sichtweise einzunehmen. Es ist ein Paradigmenwechsel, der eine Weile benötigt, bevor er sich tatsächlich in dir festigt. Aber ganz gleich, wie lange es dauert, es lohnt sich immer wieder in diese Richtung zu schauen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich im UnternehmerGeist 03/2019.
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Alles Liebe