Business Coach, Silvia Chytil

Diese Woche kam eine Kundin sehr aufgelöst in unser Coaching. Sie war so aufgewühlt, dass sie kaum sprechen konnte und ich einige Mühe hatte, überhaupt herauszufinden, was passiert war.

Am Vormittag hatte sie ein Meeting mit einem Kunden. Bereits bei der Begrüßung stellte sie fest, dass er miserable Laune hatte, die sich im Laufe ihres Gesprächs noch weiter verdunkelte.

Bis er irgendwann komplett ausrastete, Er machte ihr Vorwürfe, dass sie einen Fehler gemacht hätte, dass die Kampagne nicht den Erfolg brachte, den er sich gewünscht hatte und noch einiges mehr.

Sie war total perplex. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ihre Zusammenarbeit reibungslos funktioniert und daher wusste sie überhaupt nicht, woher dieser plötzliche Sinneswandel kam.

Da sie die Situation nicht noch weiter eskalieren wollte, versuchte sie in dem Gespräch so ruhig wie möglich zu bleiben und brachte ihr Meeting rasch zu einem Ende.

Erst danach im Auto überrollte sie eine heftige Gefühls-Welle. Sie fühlte sich irritiert, frustriert, mit falschen Vorwürfen überhäuft. In ihr stieg Wut, Ärger und Enttäuschung auf.

So stark, dass sie sich bis zu unserem Gespräch, Stunden später, noch nicht beruhigt hatte.

In Gedanken spielte sie die Situation immer wieder durch.

Hätte sie anders reagieren sollen?
Warum hat sie sich nicht sofort gewehrt?
Warum war sie nicht schlagfertiger?
Hatte sie tatsächlich einen Fehler gemacht?
Hätte sie diesen Auftrag überhaupt nie annehmen sollen?

Diese Fragen quälten sie den ganzen Nachmittag und erst am Abend in unserem Gespräch konnten wir etwas Ruhe und Klarheit hineinbringen.

Perspektiven-Wechsel

Wir alle tragen unsere Geschichten, Bewertungen, Vorstellungen, Vorurteile und Ängste mit uns spazieren. Drückt ein Ereignis im Außen einer dieser Knöpfe, dann sind wir zu (teils heftigen) Gefühlen fähig.

Das ist nicht das Problem.

Zu einem Problem werden diese Gefühle erst, wenn sie zu lange unkontrolliert in uns toben können.

Wenn wir ein und dieselbe Situation ständig in unseren Gedanken nach-spielen und ihr damit immer wieder neues Futter geben.

Dann erleben wir einen unangenehmen Vorfall, nicht nur die 1–2 Minuten, die er tatsächlich gedauert hat, sondern noch Stunden, Tage und Monate danach.

Die Kunst ist nicht, dass wir abgebrüht werden und überhaupt keine Gefühle mehr zulassen. Oder wir versuchen, uns jede Situation schönzureden, nur damit wir uns gut fühlen.

Die Kunst besteht darin, dass du dich von der Situation distanzierst.

Eine kleine Übung:

Stell dir eine Situation vor, die dich aufgewühlt hat oder noch immer tut. In der du dich frustriert, ärgerlich, wütend, besorgt gefühlt hast (oder noch immer tust).

Jetzt fühle dich in diese 2 Szenarien hinein

  • Ich war/bin frustriert, ärgerlich, verängstigt …
    Wie fühlt sich das an? Kannst du spüren, wie sich das Gefühl in dir ausbreitet, wie es dich einengt?

Und jetzt spüre hier hinein:

  • Die Situation war frustrierend, ärgerlich, beängstigend …

Merkst du den Unterschied?

Merkst du, wie sich die starke Verbindung zu dem Ereignis löst und du innerlich auf Distanz gehst.

Plötzlich stehen nicht mehr du und deine Gefühle im Mittelpunkt, sondern nur die damaligen Ereignisse und wie du sie erlebt hast.

Distanz schafft innere Ruhe

In dem Coaching mit meiner Kundin gelang es uns, diesen Perspektivenwechsel vorzunehmen. Sie wurde innerlich ruhiger und fand wieder Zugang zu ihrer Intuition.

Sie war mit ihren Gedanken nicht mehr in diesem Meeting-Raum gefangen, sondern schaffte eine neutrale Distanz zu dem Vorfall.

Ganz gleich, was damals passiert war, sie konnte in sich hinein hören und abwägen, was ihre nächsten Schritte sein würden.

Mit einem Mal tauchten auch ganz andere Fragen auf:

  • Hatte der Ausbruch ihres Kunden tatsächlich etwas mit ihr zu tun oder war er einfach schlecht gelaunt oder hatte möglicherweise berufliche oder private Probleme?
  • Hatte sie tatsächlich einen Fehler gemacht?
  • Möchte sie in Zukunft mit diesem Kunden weiterarbeiten, ein klärendes Gespräch führen und die Zusammenarbeit aufkündigen?

Das waren Fragestellungen, die ihr innerliche Freiheit verschafften und sie ins Handeln brachten.

Sie brachten ihr auch Klarheit, die eine Quelle der Stärke und der Zuversicht war. Sie wusste, dass sie die richtige Entscheidung treffen wird können.

Dinge loslassen

Ja, manchmal trifft uns im Business etwas hart.

Eine verpasste Gelegenheit, ein schlecht gelaufenes Gespräch, ein Missverständnis mit jemandem oder ein enttäuschendes Ergebnis zu überwinden, ist für unsere Arbeit und unser Leben von entscheidender Bedeutung.

Unsere Fähigkeit, neu anzufangen, mit einer neuen Perspektive zu sehen oder hoffnungsvoll zu bleiben, ist die Quelle für neue Ideen und Einfallsreichtum.

Wenn wir die Dinge loslassen können, die nicht wie geplant laufen, finden wir unsere Mitte und können uns neu ausrichten.

Wir bleiben nicht stecken, sondern orientieren uns neu und finden einen neuen Weg nach vorn.

Es gibt viele Beispiele dafür, dass Menschen die Orientierung verlieren, darüber hinwegkommen und in der Lage sind, weiterzumachen.

  • Ein Verkäufer kommt nicht zum Abschluss, aber er geht zum nächsten Gespräch.
  • Zwei Menschen in einer Beziehung haben Meinungsverschiedenheiten, aber sie überwinden ihre Reaktionen und haben wieder ein gutes Gefühl füreinander.
  • Wir machen einen Fehler, behalten aber einen klaren Kopf und machen ihn wieder gut.
  • Ein Projekt bei der Arbeit läuft nicht wie geplant, aber das Team stellt sich neu auf und ist in der Lage, neue Ideen zu generieren.

Wie ist es bei dir? Steckst du gerade in einem Gedanken/Gefühls-Karussell fest? Bist du frustriert, verärgert, enttäuscht, besorgt?

Dann probiere den Perspektiven-Wechsel aus und gehe von

„Ich bin …“

zu

„Die Situation war …“.

Wenn wir es zulassen, dass unsere Gedanken vorbeiziehen und wir Distanz zu einer negativen Situation schaffen, dann bewegen sich unsere Reaktionen und Emotionen ganz natürlich weiter.

Wir bleiben im natürlichen Fluss, finden frische Energie und erholen uns schneller wieder. Oft überraschen wir uns selbst mit dem Einfallsreichtum, den wir haben, um dem Moment auf eine frische Art und Weise zu begegnen.

Alles Liebe