Die Welt neu sehen, Silvia Chytil

Im ersten Teil habe ich aufgezeigt, dass Stress immer von unseren Gedanken kommen. Stressige Gedanken produziere ich jedoch nicht nur wenn etwas nicht so läuft, wie es mir gerade wünsche. Sondern auch, wenn wir hilflos vor einem Problem stehen und händeringend nach einer Lösung suchen.

Eine Kundin von mir sah sich vor Kurzem mit einer heiklen Situation konfrontiert. In ihren Unterlagen hatte sich ein Fehler eingeschlichen, der, wenn nicht gefunden, sogar mit einer Strafe oder Anzeige der Behörde enden könnte.

Natürlich war sie in hellster Aufregung. Neben Vorwürfe an ihren Mitarbeiter, der für diesen Fehler verantwortlich war, kamen auch Selbstzweifel und das Gefühl der Enttäuschung in ihr hoch. Zum Glück arbeiten wir schon eine Weile zusammen, sodass sie bald erkennen konnte, dass ihr diese Art der Gedanken bei der Lösung ihres Problems nicht weiterhelfen werden. Denn – der Fehler musste gefunden werden, das hatte höchste Priorität.

Dem wird keiner widersprechen: Am wohlsten fühlen wir uns, wenn alles reibungslos funktioniert und wir das Gefühl haben, alles im Griff zu haben. Wenn wir glauben, wir steuern das große Schiff. Aber leider, das Leben kommt oft dazwischen und hin und wieder ziehen schwarze Gewitterwolken auf. Da heißt es klaren Kopf zu bewahren und gut durch den Sturm manövrieren. Dazu benötigen wir oft alternative Handlungsweisen und neue Ideen.

Warum fällt es uns aber so schwer, einen klaren Kopf zu behalten?

Der Hauptgrund ist, dass wir uns vor allem auf unser analytisches Denken verlassen. Das ist an sich sehr gut, um Pläne zu schmieden oder Daten zu analysieren. Wenn es aber darum geht, eine neue Lösung für ein Problem zu finden oder wir gar nicht wissen, was wir als nächstes tun sollen, dann ist diese Art zu denken kontraproduktiv.

Obwohl alle unsere Gedanken unsere Erfahrungen erzeugen, gibt es zwei unterschiedliche Arten oder Modi, wie wir denken können.

Welche 2 Arten des Denkens gibt es?

Analytisches Denken:

Der erste Modus, der Verarbeitungsmodus, ähnelt der Art und Weise, wie ein Computer Informationen verarbeitet. Vorhandene Daten und Informationen werden gespeichert und präsentiert. Auch benutzen wir diesen Modus, wenn wir eine Lösung für eine Situation suchen, in der alle Variablen bekannt sind. Zum Beispiel: Wir benötigen ein gebügeltes Hemd. Das ist ein Problem, bei der wir die Variablen kennen: Hemd, Bügeleisen, Strom.

Diese analytische Denkweise ist für ein effektives Leben wichtig. Es erlaubt uns, alles von der Sprache bis zur Mathematik zu lernen. Mit seiner Hilfe können wir einen Computer bedienen, ein Auto fahren oder den Weg zum Lebensmittelgeschäft finden, ohne die Route jeden Tag neu zu entdecken. Wir können uns Namen und wichtige Jahrestage merken. Und wir können eine Million andere Aufgaben erledigen, die, sobald sie einmal gelernt wurden, leicht wiederholt werden können.

Der Nachteil dieser Denkweise besteht darin, dass wir, wenn wir nicht alle Variablen kennen, ewig hier stecken bleiben. Wir sind besessen von Problemen und überdenken sie ohne Ergebnis – ein anstrengender, frustrierender und energieraubender Prozess.

In diesem Fall sollten wir schnellstens in den zweiten Modus wechseln.

Free-Flow Denken:

Die andere Denkweise, die wir zur Verfügung haben, funktioniert wie ein Fluss. Es fließt immer und bringt uns im Moment neue Informationen und Gedanken – einige aus der Erinnerung, andere aus der kreativen Quelle.

Diese Denkweise nenne ich Free-Flow Denken oder die frei fließende Form. Wenn wir an den Free-Flow Modus denken, fallen uns auch Begriffe wie ursprüngliches Denken, kreative Intelligenz, reflektierender Modus und müheloses Denken ein. Andere Namen sind auch: Intuition, Kreativität, Inspiration, Weisheit, Einsicht, Erkenntnis, unklare Gedanken oder göttliche Inspiration. Du kannst ihn auch gerne Anti-Stress-Modus nennen.

Der Hauptzweck dieses Modus besteht darin, das Leben zu genießen, mit Höchstleistungen und Effizienz zu arbeiten und Probleme zu lösen, bei denen eine oder mehrere Variablen unbekannt sind.

Im frei fließenden Modus haben wir die Fähigkeit, neue Gedanken zu denken – Gedanken, die wir noch nie in Betracht gezogen haben. Diese Denkweise verwendet zum Teil auch das Gedächtnis, aber wenn dies geschieht, geschieht dies auf eine neue und kreative Weise, die jetzt in diesem Augenblick relevant ist.

Wenn wir im Free-Flow denken, erleben wir das Denken als mühelos. Unser Denken ist im Moment und reagiert auf alles, was gerade passiert oder gebraucht wird. Viele Menschen würden diese Denkweise nicht als eine Denkweise betrachten, sie ist es aber doch.

Stehen wir vor einem Problem, dass uns stresst, dann ist der erste Schritt uns zu überlegen, ob wir alle Variablen kennen. Sind sie bekannt, dann wissen wir meist was zu tun ist und schon kann es an die Arbeit gehen.

Viel mehr Schwierigkeiten haben wir jedoch, wenn wir auf Unbekannte stoßen. So wie bei meiner Kundin, wenn sie einfach nicht weiß, wo der Fehler versteckt sein könnte. Ihr hilft das analytische Denken nicht. Sie braucht Hinweise aus dem „Nichts“ und den Free-Flow Modus, der sie über verborgene Pfade zur Lösung bringen wird.

Gerade, wenn wir vor einem „unlösbaren“ Problem stehen, neigen wir ganz viel nachzudenken. Denn wir haben das Gefühl, wir müssten etwas „tun“, damit sich das Problem löst. Da wir nicht wissen, was genau zu tun ist, entscheiden wir uns fürs „denken“. Wir zermalmen das Problem, grübeln und kauen. Anstatt uns zurück zu lehnen, denken wir noch mehr und noch mehr und noch mehr.

Aber es geht soviel einfacher, nämlich wenn wir in den anderen Modus schalten. Das tun wir aber selten. Wahrscheinlich, weil viele gar nicht wissen, dass wir diese Art des Denkens haben und wie sie funktioniert. Das ist wohl auch der Grund, dass wir so wenig Vertrauen in diese Art des Denkens haben.

Wie entsteht die Lösung im Free-Flow Modus?

Während wir im analytischen Denkprozess auf abgespeicherte Daten und Formen zurückgreifen, kombinieren wir im Free-Flow Denken vorhandene Informationen und daraus entstehen neue Ideen und Lösungsansätze.

Dieser Modus arbeitet jedoch ausschließlich im Verborgenen. Wir bekommen davon nichts mit. Auch ein Grund wahrscheinlich, warum wir gerade in stressigen Situationen nicht auf diese Art des Denkens vertrauen. Für uns scheint es unlogisch, einfach „nichts“ zu tun.

Vertrauen heißt nicht, dass keine Probleme auftauchen. Vertrauen heißt, sicher zu sein, dass wir mit jeder Situation gut umgehen können. Klick um zu Tweeten

Aber es ist nicht so, dass wir nichts tun. Oder anders. Eigentlich hätten wir schon eine Aufgabe. Uns zu beruhigen. Denn, um in den Free-Flow Modus zu gelangen, benötigt unser System Ruhe und darf sich nicht mit anderen Problemen herumschlagen. Fahren wir den Stresspegel hoch, dann hat unser System alle Hände voll zu tun, um uns vor einem möglichen Kollaps zu bewahren. Definitiv keine freien Ressourcen für kreative Ideen.

Lassen wir dieses System jedoch in Ruhe arbeiten, können wir sicher sein, dass es uns von Moment zu Moment mit dem beliefert, was jetzt gerade wichtig ist. Bei kniffligen Problemen vergleicht es im Hintergrund alle möglichen Varianten, verwirft sie wieder, probiert neue aus. Und das alles, ohne dass wir davon irgendwas mitbekommen. Erst wenn es eine zündende, neue Idee gibt, wird diese in unser Bewusstsein geworfen.

Es macht daher einfach keinen Sinn, immer über ein Problem zu grübeln und sich damit zu stressen. Dieses Grübeln entzieht dem Free-Flow Denken ganz wertvolle Energien. Genau jene, die es braucht, um uns mit neuen Ideen zu versorgen.

Wenn du also das nächste Mal vor einem Problem stehst, dich das unglaublich stresst und du keine Ahnung hast, was du tun könntest, dann mache dir einen schönen Tag. Geh spazieren, lies ein gutes Buch, triff dich mit Freunden. Dein System arbeitet im Hintergrund und weiß, was es zu tun hat. Du kannst dir sicher sein, es wird dich im richtigen Moment wissen lassen, was deine nächsten Schritte sind. Bis dahin – Geh aus dem Weg!

Alles Liebe