Zumeist meinen wir, wir hätten noch unendlich viel Zeit, um das zu erreichen, wovon wir träumen. Daher machen wir uns Pläne, stecken uns große Ziele und arbeiten die Vergangenheit auf. Um dann irgendwann mal so leben zu können, wie wir es uns immer vorgestellt haben. Was aber, wenn dieser Tag nie kommt?

Vor ein paar Tagen habe ich den Film „Ein ganzes halbes Jahr“ gesehen. Jetzt bin ich gar nicht so ein Fan von dramatischen Familiengeschichten, dieser Film hat mich jedoch lange beschäftigt. Auch lese ich normalerweise zuerst das Buch und sehe mir dann vielleicht den Film an. In diesem Fall war es umgekehrt, ich habe nach dem Film auch noch das Buch gelesen.

Um was geht es in dem Film/Buch, falls du die Geschichte nicht kennst. Will, ein reicher, erfolgreicher junger Mann, der im Leben fast nichts ausgelassen hatte, wurde von einem Motorrad erfasst und war ab diesem Zeitpunkt Tetraplegiker. Das heißt er konnte fortan weder Beine noch Arme bewegen und war 24 Stunden am Tag auf Hilfe angewiesen. Will wollte so nicht leben und plante in die Schweiz zu fahren und sich dort das Leben zu nehmen. Um auf ihn aufzupassen und ihn vielleicht auch umzustimmen, wurde Louise Clark engagiert. Sie, Ende 20, hatte von der Welt noch nichts gesehen. Sie musste arbeiten, weil ihr Vater den Job verloren hatte und sie unbedingt zur Erhöhung der Haushaltskasse beitragen musste. Zwei vollkommen verschiedene Welten prahlten aufeinander. Irgendwie gelang es Lou, Will aus der Reserve und aus dem Haus zu locken. Letztendlich entstand eine tiefe Liebe auf beiden Seiten. Und doch – Will setzte seinen Plan in die Tat um und Lou war in seinen letzten Stunden bei ihm.

Warum verschieben wir das Leben immer auf später?

Der Film spukte lange in meinem Kopf herum. Drei Fragen stellten sich mir:

  1. Könnte ich akzeptieren, dass der Mensch, den ich so sehr liebe, nicht mehr (mit mir) leben möchte?
  2. Könnte ich ihn bei seiner letzten Reise begleiten ohne ständig zu versuchen, ihn umzustimmen?
  3. Warum verschieben wir das Leben immer auf später?

Bei den ersten beiden Fragen bin ich mir nicht sicher. Ich war zum Glück noch nie in dieser Situation und deshalb fällt es mir sehr schwer, darauf eine Antwort zu finden. Denn ich bin mir nicht sicher, ob ich einfach zusehen könnte, wie jemand, der mir so nahe ist, es vorzieht zu sterben, als mit mir zu leben. Auch wenn die Gründe natürlich vollkommen einsichtig sind, starke Schmerzen, gefangen im eigenen Körper, ständige Infektionen, – wer will so schon leben.

Daher befasse ich mich nur mit Frage drei: Warum verschieben wir so oft das Leben auf später?

Dalai-Lama sagte mal: „Es gibt nur zwei Tage im Jahr, an denen man nichts tun kann. Der eine ist Gestern, der andere Morgen. Dies bedeutet, dass heute der richtige Tag zum Lieben, Glauben und in erster Linie zum Leben ist.“

Noch mehr Ziele

Meine gesamte Welt um mich herum ist derzeit mit Planung für das nächste Jahr beschäftigt. Ich miteingeschlossen. Und jetzt gerade flattert mir eine Einladung zu einem Webinar ins Haus, in dem mir versprochen wird, dass ich „den psychologischen Kniff, mit dem du deine großen Business-Ziele tatsächlich erreichst“ lerne.

Den psychologischen Kniff. Große Ziele tatsächlich erreichen.

Benötigen wir einen psychologischen Kniff um große Ziele zu erreichen? Benötigen wir überhaupt große Ziele? Ich mag die Kollegin, die dieses Webinar veranstaltet sehr und weiß, dass sie immer großartige Inhalte liefert. Darum geht es auch nicht.

Es geht darum, dass wir uns alle so große Ziele setzen und damit immer in der Zukunft leben. Und noch ganz viel erreichen müssen, um zufrieden zu sein, mit dem was wir haben.

Aber wann ist genug? Wann ist der Zeitpunkt, an dem wir sagen „Jetzt ist Schluss mit großen Zielen, jetzt genieße ich das Leben.“ Wenn wir einen Umsatz im 7-stelligen Bereich erzielt haben? Wenn wir so ausgebucht sind, dass wir kaum mehr Zeit für anderes haben? Wenn unsere Kinder groß sind, uns der Partner mehr liebt, wir Frieden mit unseren Eltern gefunden haben?

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um zu leben?

Wir leben entweder im Gestern oder im Morgen

Wenn ich mich umschaue, dann spaltet sich die Menschheit in zwei Lager. Die einen, die ständig nach vorne stürmen. Noch mehr Ziele, noch mehr Pläne, noch mehr gute Vorsätze. Sie müssen noch mehr erreichen, weil das, was sie gerade haben, nicht genügt. Ja, es vielleicht nicht einmal sehen und schon gar nicht schätzen können.

Die Anderen werden von der Vergangenheit festgehalten. Sie bewegen sich kaum, weil in der Vergangenheit noch so viel zu klären ist. Weil (schlechte) Erinnerungen sie in Fesseln halten und sie meinen, nicht weiter gehen zu können, bevor nicht alles aufgearbeitet ist.

Wie lassen uns von Gedanken der Unzulänglichkeit und des Mangels in Haft nehmen.

Wie lassen uns viel zu oft von Gedanken der Unzulänglichkeit und des Mangels in Haft nehmen. Klick um zu Tweeten

Unter dem Strich bleibt: So, wie mein Leben derzeit ist, ist es nicht gut. Oder ich bin nicht gut genug, um mein Leben, das ich mir vorstelle, leben zu können.

Also verschieben wir. Auf morgen. Oder irgendwann. Und steigen in die Wenn-Dann-Falle. Wenn ich mehr verdiene, dann … , wenn ich mehr geliebt werde, dann … , wenn die Kinder groß sind, dann …

Aber was, wenn das nie passiert? Was, wenn das Morgen, so wie wir es uns wünschen, nie kommt? Was, wenn wir morgen nicht mehr leben?

Worauf wartest du noch?

Welches Angebot bringst du nicht hinaus, weil du meinst, es (oder du) wären noch nicht gut genug?

Welchen Text schreibst du nicht, aus Angst, was Andere dazu sagen könnten?

Welche Personen sprichst du nicht an, weil du meinst, sie wollen nichts mit dir zu tun haben?

Welche Reise unternimmst du nicht, weil du davon überzeugt bist, nicht dafür Geld ausgeben zu können?

Welche Tagträume träumst du nicht, weil du gehört hast, dass du mit Träumereien nicht weit kommst?

Ich selbst war jahrelang Meisterin darin, in die „Wenn-Dann-Falle“ zu steigen. Vielleicht hat mich deshalb dieser Film so berührt, weil er mich wieder daran erinnert hat, falls ich es vergessen sollte.

Dass nur JETZT gerade der richtige Zeitpunkt ist, um zu leben.

P.S. Was verschiebst du auf „morgen“, weil heute noch nicht der richtige Zeitpunkt ist? Ich bin gespannt, was du zu erzählen hast und freue mich auf einen Kommentar von dir.

Heute, nicht morgen :-).