3 Mythen über Produktivität, Silvia Chytil

Um ungefähr 1760 fand die industrielle Revolution statt. Aufgaben und Arbeiten, die bisher Menschen ausführten, wurden ab nun gänzlich oder teilweise von Maschinen übernommen. Ein paar der wesentlichsten Erfindungen dieser Zeit waren die Dampfmaschine, der Webstuhl oder auch die Dampflokomotive. Aufgrund dieser Errungenschaften wurde die Gesellschaft von Grund auf umgestaltet. Sie wandelte sich von einer Agrargesellschaft in eine Industriegesellschaft. Mehr und mehr Menschen, die bisher in der Landwirtschaft gearbeitet haben, arbeiteten nun in der Industrie.

Plötzlich wurde Produktivität und die Steigerung dieser, zu einem noch wichtigeren Thema. Die zentrale Frage damals war: Was muss ich tun, um meine Produktivität (oder die Produktivität meiner Mitarbeiter) zu steigern?

Die Lösung damals: Mehr arbeiten! Mehr Einsatz bedeutete mehr Ergebnis.

Eine sehr einfache und klare Regel, die in unseren Köpfen noch immer präsent ist. Wir glauben, dass wir nur mehr arbeiten müssten, um mehr Ergebnisse zu erzielen.

Wie kann es allerdings sein, dass es Projekte gibt, bei der mit sehr wenig Einsatz ungeheuer viele Ergebnisse erreicht werden? Oder aber Tage, an denen wir arbeiten und arbeiten und überhaupt nichts zustande bringen?

Wenn sich diese Regel heute nicht mehr so einfach anwenden lässt, warum hält sie sich hartnäckig in unserem Gedächtnis.

Schuld daran sind ein paar Mythen, die aufgelöst werden sollten, bevor es überhaupt gelingt, einen neuen Blick auf Produktivität zu werfen.

Mythos 1: Um produktiver zu sein, müssen wir uns mehr anstrengen!

Wie bereits schon vorher erwähnt, herrscht nach wie vor in vielen Köpfen die Überzeugung, produktiver seien wir, wenn wir uns mehr anstrengen und härter arbeiten.

1 Einheit Anstrengung = 1 Einheit Ergebnis

3 Einheiten Anstrengung = 3 Einheiten Ergebnisse

5 Einheiten Anstrengung = 5 Einheiten Ergebnisse

Noch bei unseren Eltern und ganz sicher unseren Großeltern machte diese Sichtweise Sinn. Sie mussten hart arbeiten, um ihre Familie zu ernähren. Das bedeutete viele Stunden am Feld oder in der Fabrik. Die Arbeit war anstrengend und die Vorgabe „Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen“ sicherte sehr oft das Überleben.

Wenn das heute auch noch stimmen würde, wäre alles sehr einfach und wir bräuchten gar nicht weiter über Produktivität reden. Wir strengen uns einfach mehr an und schon erzielen wir mehr Ergebnisse.

Das erklärt aber nicht jene Tatsachen, in denen fünf Einheiten Arbeit nur eine Einheit Ergebnisse bringen oder aber im gegenteiligen Fall eine Einheit Arbeit plötzlich fünf Einheiten Resultate. Du hast ganz sicher schon beide Phänomene bei dir und anderen beobachtet.

Natürlich kann es sein, dass wir uns anstrengen müssen, um gute Ergebnisse zu erzielen. Wenn wir den Kopf nicht unten halten und unsere Arbeit erledigen, haben wir nichts vorzuweisen. Und den Kopf unten halten kann manchmal sehr anstrengend sein.

Der Punkt aber ist: Anstrengung ist keine Voraussetzung und auch keine Garantie für bessere oder mehr Ergebnisse. Produktivität in der heutigen Zeit funktioniert nicht mehr nach der Regel: 1x Anstrengung = 1x Ergebnisse.

Neue Feststellung: Produktivität hat nichts mit Anstrengung zu tun!

Mythos 2: Wenn es leicht geht, kann es nur Zufall oder Glück gewesen sein.

Geht es mal sehr leicht, dann sind wir sehr schnell, diese Ereignisse als Glück oder Zufall abzutun. Es geht nicht mit rechten Dingen zu, die Person schummelt, er, sie oder ich selbst hatten das eine Mal nur Glück gehabt.

Wir gehen davon aus, dass diese Glückssträhne sehr bald zu Ende gehen wird und es sich nur um eine Ausnahme handelte. Wir glauben, wenn wir uns mehr angestrengt hätten, dann hätten wir sogar noch bessere Ergebnisse erzielt. Oder wir halten uns gar für Schwindler, weil uns gute Resultate so einfach zufliegen und befürchten, sobald unser Glück aufgedeckt werden würde, wären wir schnell als Betrüger und Lügner entlarvt.

Es kann auch vorkommen, dass wir andere mit einem ganz besonderen Talent oder als Genie auszeichnen, weil ihm oder ihr gewisse Dinge so leicht gelingen. Was auch wieder Richtung Glück und Zufall weist. Auf alle Fälle etwas, mit dem wir auf keinem Fall gesegnet sind.

Glück, Zufall und Talent können unserer Produktivität und unseren Resultaten einen ordentlichen Schub geben. Aber alle Personen, die sehr produktiv sind, haben immer nur Glück gehabt? Und warum gibt es sehr talentierte Menschen, die so gar nicht produktiv sind?

Neue Feststellung: Glück und Zufall sind keine Erklärung für leicht erzielte Resultate.

Mythos 3: Produktivität zeigt sich in geleisteten Stunden

Der Beginn der Industrialisierung war wohl auch der Beginn, in der Produktivität in Arbeitsstunden gerechnet wurde. Jemand der 40 Stunden arbeitet ist produktiver als jemand der nur 20 Stunden leistet. Was sich natürlich in Form des Lohnes/Gehaltes widerspiegelte.

Für UnternehmerInnen gilt diese Annahme überhaupt nicht. Wäre das nämlich wahr, wären wohl alle UnternehmerInnen, die ich kenne, Millionäre, da sie sich fast rund um die Uhr, in irgendeiner Form, mit ihrem Betrieb beschäftigen.

Trotzdem ist dieser Produktivitäts-Falktor fest in den Köpfen verankert. Was dazu führt, dass sehr viele UnternehmerInnen ständig auf der Suche sind, wie sie noch mehr arbeiten können, nur um irgendwann feststellen zu müssen, dass ihr Körper, Psyche oder Geist bei diesem Versuch auf der Strecke bleiben.

Mehr Resultate zeigen sich nicht in mehr geleisteten Stunden. Ganz im Gegenteil! Es gibt mittlerweile genügend Studien, die darauf hinweisen, dass mehr Stunden Arbeit die Produktivität nicht nur nicht steigern, sondern uns auch anfälliger für Fehler, Unfälle,  Stress und Krankheiten machen.

Neue Feststellung: Mehr Stunden an Arbeit macht uns nicht produktiver.

Während es in der Industrie auch heute noch oft darauf ankommt, wie viele Stunden geleistet werden (heute zumeist in Maschinen-Stunden), ist dieser Faktor in den meisten Bereichen mittlerweile irrelevant. Vor allem für EinzelunternehmerInnen oder InhaberInnen kleiner Unternehmer sind heute andere Kompetenzen entscheidend: Kreativität, Begeisterungsfähigkeit, Durchhaltevermögen, Flexibilität, Mut – um hier nur einige zu nennen.

Der erste Schritt dazu ist sich von diesen Mythen zu verabschieden. Dann ist der Weg frei für eine neue Sicht auf Produktivität.

 

Dieser Artikel erschien ursprünglich im UnternehmerGeist 02/2019.
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