Visionen: Warum Helmut Schmidt irrte

Oder warum du unbedingt eine Vision brauchst

Wer eine Vision hat, soll zum Arzt gehen. (Helmut Schmidt)

Lässige Aussage. Nur aus meiner Sicht irrte sich Herr Schmidt. Denn mir hat meine Vision bisher zwei Mal geholfen, mein Leben zu verändern und die Richtung zu korrigieren.

Mit 30 Jahren begann ich mich das erste Mal zu fragen, ob ich den richtigen Weg eingeschlagen hatte. Ich war nicht wirklich glücklich und zufrieden, konnte aber auch nicht sagen, was mir fehlte. Denn eigentlich hatte ich ja „alles“. Mir war es aber doch zu wenig. Oder vielleicht gar nicht zu wenig. Nur nicht das Richtige – für mich.

2 Bilder in meinem Kopf

Zu dieser Zeit baute sich in meinem Kopf das erste Mal ein Bild auf. Oder eigentlich zwei Bilder.

Das eine Bild zeigte eine ältere Frau mit strahlendem Gesicht. Sie ist aktiv, voller Lebensfreude, mit sich und dem Leben zufrieden.

Das andere Bild zeigte eine verhärmte Frau. Eine, die mit sich und dem Leben haderte, die krank war, ständig nörgelte.

Diese Bilder ließen mich nicht mehr los. Mir war klar, würde ich mein Leben so weiter führen, wie gehabt, würde ich Frau Nummer zwei werden. Das wollte ich aber nicht. Das musste ich ändern. So wollte ich nicht enden. Denn für mich war ganz klar: Ich wollte Frau Nummer eins sein. Zufrieden, glücklich, viel Spaß im Leben. Lachend durchs Leben tanzen – das war meine Vision. Mir wurde bewusst, dass die Entscheidung bei mir lag.

Sicherheit versus Unsicherheit

Also schmiss ich mit 30 Jahren alles hin. Ich ließ das sichere Leben mit Ehemann, Haus, finanzielle Absicherung hinter mir und wählte den Weg der Unsicherheit. Ich trennte mich von meinem Mann, bezog mit meinem damals sechs jährigen Sohn eine Wohnung und übernahm einen Ganztagsjob. Ab nun war ich auf mich alleine gestellt. Ich musste den Unterhalt verdienen, musste regelmäßig die Miete zahlen und darauf achten, dass der Kühlschrank voll ist.

Wenn ich mir das jetzt so durch lese, denke ich mir – die Zeit war nicht einfach. Aber eigentlich stimmt das nicht. Ich wuchs. An jedem Letzten, an dem am Ende mehr Monat als Geld über blieb, wuchs ich, wurde einfallsreicher und kreativer (Voraussichtlich empfand ich das damals nicht unbedingt als Wachsen). Natürlich gab es ganz schreckliche Momente. Zum Beispiel als mein Auto einging und ich mir die Reparatur um umgerechnet 700 Euro nicht leisten konnte. Zumindest war das der Punkt, wo ich mir schwor, dass mir so etwas nie, nie wieder passieren wird. Kein Geld zu haben, die notwendigsten Dinge zu bezahlen.

Die nächsten Jahre gingen dahin. Ich hatte tolle Jobs, verdiente gut, reiste in der Welt herum, machte meinen Master. Natürlich gab es Tiefs, aber im Nachhinein gesehen ging es stetig bergauf.

Zurück an den Start

Der nächste große Wendepunkt passierte gut zwölf Jahre später. Mein Sohn hatte maturiert, ich war in einer neuen Beziehung, wieder wurde Haus gebaut und ich hatte einen sicheren Job, bei dem ich sehr gut verdiente. Und schon wieder regte sich in mir die unzufriedene Stimme.

Wieder tauchten meine zwei Frauen auf. Dabei wurde eine Frage immer lauter und lauter. Will ich so die nächsten 20 Jahre leben? Diesmal ging es nicht um die private Frage, sondern um meine berufliche Zukunft. Ich arbeitete in einem internationalen Konzern, verdiente sehr gut und voraussichtlich konnte ich auch die nächsten 20 Jahre dort arbeiten. Aber wollte ich das? War ich dann nicht wieder auf dem Weg zu der verhärmten, kranken, nörgelnden Frau?

Also nochmals von Vorne beginnen. Nochmals tauschte ich die Sicherheit gegen die Unsicherheit. Der gut bezahlte Job wurde gekündigt und ich entschied mich für die Selbstständigkeit. Und für Frau Nummer eins.

Warum du eine Vision brauchst

So ganz stimmte es natürlich nicht, dass Helmut Schmidt keine Visionen hatte. Er wollte eine atomwaffenfreie Welt. Naja, bis dato ist seine Vision leider noch nicht Wirklichkeit geworden, er hatte aber vieles in diese Richtung getan. Er hat es nur nicht Vision genannt, sondern Ziel.

Aber es ist ganz gleich, wie du es nennst. Ob du es Vision, Ziel oder Hirngespinst nennst. Es ist das, was dich treibt. Was dich in der Früh aus dem Bett holt. Dich wieder aufstehen lässt, wenn du hin gefallen bist. Dich in einen Flow versetzt, dein Feuer zum Brennen bringt, deinem Leben einen Sinn gibt.

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Oft genug sind wir geneigt, die Sicherheit zu wählen. Der sichere Job, die sichere Beziehung.

Der Preis dafür ist allerdings sehr hoch.

Coco Chanel sagte: „Ich bereue nichts im Leben – außer dem, was ich nicht getan habe.“

Denn es hält dich davon ab, das zu tun, was du wirklich tun willst. Vielleicht was deine Bestimmung ist. Vielleicht aber auch nur, was dir einfach Spaß macht.

In meiner Kindheit hörte ich oft genug den Sager: „Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen.“ Wie ich das hasste.

Nur wer bitte hat bestimmt, dass das Eine das Andere ausschließt?

Lass nicht zu, dass deine Visionen, deine Ziel durch Sicherheit oder durch „gut gemeinte“ Ratschläge deiner Umgebung manipuliert werden. Andere Menschen haben eine andere Geschichte, andere Erfahrungen, andere Wünsche als du. Und sie kämpfen immer nur um ihr Leben, nicht um deines.

2017-03-11T19:55:33+00:00

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