Pass bloß auf, wem du vertraust.

Vor kurzem las ich über einen Mann, bei dem durch einen Unfall ein Teil seines Gehirns zerstört wurde. Daraufhin verlor er die Fähigkeit zu gehen. Nicht weil er gelähmt war oder seinen Gleichgewichtssinn verloren hätte, sondern weil sein Gehirn nicht mehr die Berechnungen anstellen konnte, die notwendig waren, um einen Schritt vor den anderen zu setzen. Also wie hoch muss ich den Fuß heben, gibt es Unebenheiten, die berücksichtigt werden müssen, wohin muss ich den Fuß stellen. Mit der Zeit lernte er zwar wieder zu gehen, allerdings verlangt jede Fortbewegung größte Konzentration und unendlich viel Zeit. Führt er den Ablauf des Gehens nicht bewusst aus, fällt er zu Boden.

Für uns ist gehen ein ganz normaler, natürlicher Prozess, der absolut kein nachdenken erfordert. Wir gehen, laufen, tanzen, springen. Tun es einfach. Wir sehen nicht, welch ungeheuren Aufwand unser Gehirn aufwenden muss, um diesen Vorgang zu vollbringen. Beobachten können wir es nur bei kleinen Kindern, die gerade ihre ersten Schritte probieren. Zumeist allerdings lachen wir über die tollpatschigen Versuche. Dass es große Anstrengung bedarf, das haben wir vergessen. Wir vertrauen darauf, dass uns unsere Beine durchs Leben tragen.

Wie wir darauf vertrauen, dass wir gehen können, wenn wir dies wollen, vertrauen wir auch darauf, dass wir atmen, aufwachen, schlucken, unsere Hand bewegen, sehen, riechen und so weiter und so weiter. Das alles funktioniert einfach, solange wir die Hand nicht in Gips haben oder ein Schnupfen unsere olfaktorische Fähigkeiten einschränkt.

Nur wer geht, sieht, atmet, schluckt da eigentlich?

Denkst du jetzt gerade über die Frage nach?

Wenn ja, wer denkt gerade?

Ich will diese Frage gar nicht so philosophisch angehen und dir auch gleich die Antwort geben, wie ich es sehe.

Ich 1 versus Ich 2

Auf der einen Seite gibt es das denkende Ich. Nennen wir es Ich 1. Es grübelt, bewertet, sagt dir, was du zu tun hast und was nicht.

Das andere Ich, nennen wir es Ich 2, versucht das alles, was ihm Ich 1 aufträgt, zu erfüllen. Los, geh schneller – als geht Ich 2 schneller. Streng dich mehr an, Ich 2 versucht sich mehr anzustrengen. Während Ich 2 versucht die Zurufe von Ich 1 zu erfüllen, versucht es außerdem, unseren ganz natürlichen täglichen Ablauf zu kontrollieren. Eben gehen, essen, atmen und so weiter.

Ich habe für Ich 2 auch noch andere Namen. Es ist der Mensch schlecht hin, Human being, das menschliche System. Intuition. Geist. Mind. Innere Weisheit Wie auch immer du es nennen magst. Es ist dafür verantwortlich, dass wir so funktionieren, wie wir funktionieren. In jeder Sekunde unseres Daseins versucht es uns mit allen Mitteln das Bestmögliche zu liefern. Es berechnet ganz genau, wie wir unseren Arm bewegen, unseren Körper halten, unseren Mund öffnen müssen, um die Kaffeetasse vom Tisch zu nehmen, zu unserem Mund zu führen und zu trinken. Wir glauben das passiert einfach so. Aber nein. Das ist Schwerstarbeit.

Gehen wir über zu Ich 1. Ich 1 ist unser Denken. Unser Verstand. Unsere Stimmen im Kopf. Unser Plappermaul, das immerfort weiß, wie etwas besser geht. Das uns suggeriert, dass wir uns mehr anstrengen müssen, es niemals schaffen werden. Dass an jedem und allen etwas auszusetzen hat, ganz gleich was wir tun. Biegen wir links ab, meint es, rechts wäre besser. Gehen wir rechts – eh klar, links wäre doch viel gescheiter gewesen. Es hält uns in der Nacht wach, lässt uns im Kreis laufen und ist niemals zufrieden.

Ich 1 Ich 2
  • Denken, Verstand
  • Bewerten, Besserwisserisch
  • Schuldzuweisungen
  • Grübeln über Vergangenheit und Zukunft
  • Versucht immer besser, größer, schneller zu werden
  • Ego
  • Unsicher
  • Ständig vor sich hinplappernd
  • Nie zufrieden
  • Immer auf das Außen fokussiert
  • Intuition, innere Weisheit, Geist
  • Neutral
  • Erhält uns am Leben
  • Lebt im Hier und Jetzt
  • Ist zufrieden, mit dem was gerade ist
  • Sicher und selbstvertrauend
  • Stille, Ruhe
  • Verlässlich
  • Konzentriert
  • Mit allem ausgestattet, was jetzt notwendig und wichtig ist
  • Auf das Innen konzentriert

Wir setzen aufs falsche Pferd

Jetzt frage ich dich. Wenn du 2 Personen auf der Straße sehen würdest. Die eine dauernd vor sich hinplappernd und nörgelnd. Die andere ruhig und immer auf das konzentriert, was gerade ansteht.

Wem würdest du mehr Vertrauen entgegenbringen?

Ich nehme deine Antwort vorweg und tippe, du würdest eher der zweiten Person dein Leben anvertrauen.

Warum tun wir das dann nicht?

Warum meinen wir unser Ich 1 ist der verlässlichere Lotse durch die Wirren unseres Lebens. Unser Ich 1 wäre besser dazu geeignet, uns zu mehr Erfolg und Zufriedenheit zu führen. Wir müssten mehr auf unser Ich 1 hören, um unseren Weg zu gehen?

Eigentlich absurd, oder?

Wenn wir das so lesen, ist es ja wirklich absurd, nicht mehr auf Ich 2 zu hören und dem zu vertrauen. Wir setzen aufs falsche Pferd.

Aber warte nur, bis deine Stimmen im Kopf wieder anfangen zu plappern, du wirst ganz schnell Ich 2 vergessen und auf Ich 1 hören.

„Die Intuition ist ein göttliches Geschenk, der denkende Verstand ein treuer Diener. Es ist paradox, dass wir angefangen haben, den Diener zu verehren und die göttliche Gabe zu entweihen.“ (Albert Einstein)

Warum ist das so?

Nun, Gründe gibt es wahrscheinlich eine Menge. Zum ersten glaube ich, dass wir gar nie wirklich gelernt haben, auf unsere innere Weisheit zu achten. Wir leben mit dem Missverständnis, dass wir in einer Outside-In Welt leben und unsere Gefühle davon abhängen, was im Außen passiert. Tatsächlich aber leben wir in einer Inside-Out Welt und sind schon mit allem ausgestattet, was wir für ein zufriedenes und erfolgreiches Leben benötigen. Wir brauchen nur mehr auf unsere fix eingebaute Ressource zugreifen und ihr mehr vertrauen.

 

Was wäre, wenn wir mehr auf Ich 2 hören würden?

Folgendes passiert:

  • Wir haben viel mehr Selbstvertrauen.
  • Wir sind leistungsfähiger.
  • Wir lassen uns durch unsere Gedanken nicht ständig aus der Bahn werfen.
  • Wir erleben weniger Stress und Druck.
  • Wir geraten öfters in den Flow.
  • Wir sind im Reinen mit uns.
  • Wir bewältigen die Anforderungen des Lebens mit viel mehr Leichtigkeit.
  • Wir haben weniger Sorgen und Ängste.

Vielleicht denkst du jetzt, ja das hätte ich alles gerne, aber das ist gar nicht so leicht.

Es ist deshalb nicht leicht, weil wir nicht gewohnt sind, unserem Ich 2 zu vertrauen. Aber eigentlich ist es das Natürlichste der Welt.

Probiere in der nächsten Woche folgendes aus:

Beobachte dich bei ganz alltäglichen Dingen, wie Zähne putzen, Kaffee trinken, Stiegen steigen. Überlege dir welch ungeheure Präzision erforderlich ist, wie viel Nerven, Muskeln, Sehnen du bewegst, um diese scheinbar einfache Aufgabe zu lösen. Überlege dir dann, wie viel Programmier-Arbeit notwendig wäre, um einen Roboter dazu zu bringen, die Tätigkeiten zu verrichten. (Übrigens gelingt es bis dato noch keinem Roboter eine Tasse vom Tisch zu heben und zum „Gesicht“ zu führen.)

Und dann frage dich, warum du diesem unglaublichen, einzigartigen, fehlerfreien System, mit dem du ausgestattet bist, nicht viel mehr dein Leben anvertraust und darauf vertraust, dass es genau weiß, was für dich das Beste ist und dir den Weg zeigt.

2017-09-14T21:35:05+00:00

4 Comments

  1. ASK 19. September 2017 at 8:17 - Reply

    Dein Beitrag war sehr, sehr interessant. Bereits das Foto am Anfang hat einen schon gut eingeleitet auf den folgenden Text und präsentiert gut „Ich1“ und „Ich2“. Deine Worte sind sehr wahr! Freue mich über weitere Beiträge von dir. Ich bin Steuerberater aus Hannover und habe auch eine Website. Du bist herzlich eingeladen auch mal bei mir vorbei zu schauen. Einen wunderschönen Tag noch! Michael Keulemann

  2. Christiane 19. September 2017 at 8:45 - Reply

    Sehr sehr schön geschrieben! Und wie wahr!!! Danke, liebe Silvia!

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