Lass mich – heute bin ich schlecht drauf! Warum „immer happy“ eine Utopie ist.

Jeder möchte glücklich sein. Über Jahre hinweg wurden wir mit Selbsthilfe-Bücher überhäuft, die uns zeigen, wie wir dauerhaft happy sein, wie wir uns von jeglichem Ärger schnellstens befreien und ständig in einem meditativen Zustand schweben können. Überall wollen wir lächelnde Gesichter sehen und auf die Frage, „Wie geht es dir?“ gibt es eigentlich nur die Antwort „Großartig“.  Aber ist „happy“ wirklich so erstrebenswert? Meine Gedanken dazu zeige ich dir hier.

„Stell’ dich nicht so an, ist doch nicht so schlimm.“ „Komm, lach doch ein wenig.“ „Warum bist du immer so negativ?“.

Schon von früher Kindheit an werden wir darauf getrimmt, unsere negativen Emotionen in den Hintergrund zu drängen und uns immer fröhlich und ausgelassen zu zeigen. Traurig, wütend oder ärgerlich – nein, das geht gar nicht.

Allerdings ist „immer happy“ in vielen Situationen keine adäquate Antwort. Meine Gedanken und Gefühle sollten ein Spiegel meiner Welt sein. Und ich sage hier ganz bewusst, MEINER Welt. Denn niemand draußen weiß, wie es mir gerade geht und kann mir daher auch nicht sagen, wie ich mich gerade zu fühlen habe.

Warum ist „happy“ mittlerweile das Maß aller Dinge?

Seit Jahren gibt es einen wahren Hype um die Glückseligkeit. Natürlich ist nichts falsches daran, nach Glück zu streben. Aber um jeden Preis?

Wie ist es zu dem „immer happy“ überhaupt gekommen?

Fun-Gesellschaft

Disney-Land, Entertainment-Center, Life-Style-Business. Das klingt alles nach sehr viel Spaß.

Auch in der Werbung sehen wir lauter fröhliche, glückliche Menschen. Da wir doch eigentlich alles haben, müssten wir auch immer glücklich sein. Wer da nicht mitmacht, ist ein Miese-Peter und ein Spielverderber.

Der Drang nach Fun hört in der Freizeit nicht auf. Arbeiten soll Spaß machen, etwas Neues lernen soll Spaß machen. Das ganze Leben soll nur noch Spaß machen.

Und bist du dort noch nicht – Hey, Tschakka, du schaffst das!

Doch hinter der lockeren Fassade der Spaßgesellschaft verbergen sich tiefe Ängste. Ständig gut drauf sein zu müssen, das hält keiner auf Dauer aus. Wir stürzen ab und fühlen uns dem ganzen Druck nicht gewachsen. Bis wir zu dem Schluss kommen, dass das ganze Leben überhaupt keinen Spaß mehr macht und wir aus unserem Problem-Denken nicht mehr aussteigen können.

Negative Gefühle sind abnormal

In der Psychologie gibt es eine Klassifikation von Krankheiten. Dort finden sich alle Indikatoren, ab wann ein Verhalten „abnormal“ ist.

War es zum Beispiel vor Jahren noch völlig normal, dass wir 1 Jahr um eine geliebte Person trauern durften (das berühmte Trauerjahr), ist es heute schon abnormal, wenn wir nicht innerhalb von wenigen Wochen wieder auf ganz normaler Betriebs-Temperatur laufen.

Dann wird uns der Gang zum Psychiater empfohlen, eine Depression diagnostiziert oder mit Psychopharmaka hantiert. Und schon wieder erfahren wir, diesmal schwarz auf weiß, dass mit uns etwas nicht stimmt.

Self-improvement

Außerdem liegt es sowieso nur an dir, wenn du unglücklich bist. Denn offensichtlich hast du dich noch nicht wirklich gut im Griff. Bist noch nicht gut genug, denn sonst wäre das Leben eine Leichtigkeit für dich und du würdest immer herumlaufen, als hättest du gerade ein Marihuana-Cookie eingeworfen.

Millionen Bücher lernen uns, wie wir glücklicher und zufriedener werden. Positiv denken, positive Affirmationen, Mediation.

Und trotzdem schaffst du es nicht?

Da ist wirklich was verkehrt mit dir …

Negative Gefühle sind schlecht

Ich habe gerade auf Google eingegeben: “Negative Gefühle sind gut“.

Die ersten drei Suchergebnisse

  • Positive Psychologie: Wie negative Gefühle das Gehirn vernebeln
  • Negative & schmerzhafte Gefühle neutralisieren – so gehts – Psychotipps
  • Innere Unruhe bekämpfen: Wie du negative Gefühle los wirst

Also wenn es auf Google nicht zu finden ist, dann wird es wohl stimmen – Negative Gefühle sind schlecht.

Zwingen wir uns allerdings, immer nur gut drauf zu sein, kommt statt der großen Party, bald der große Katzenjammer. Wir fühlen uns noch schlechter, weil wir nicht mithalten können. Da muss doch irgendwas falsch sein mit uns.

Aber mit uns ist nichts falsch!

Ganz im Gegenteil. Denn negative Gefühle zu haben, gehört zum Leben, wie Tag und Nacht, wie Sommer und Winter.

Was wollen uns negative Gefühle sagen?

Sie sagen: Manchmal überhaupt nichts

Oft genug haben negative Gefühle gar keinen wirklichen Ursprung. Sie sind einfach da. Nicht immer muss es einen kausalen Zusammenhang mit einem Auslöser von außen geben.

Bisweilen ist es nur ein Gedanke aus dem Nichts, der dich in schlechte Laune versetzt. Der will dir auch nichts sagen. Oder nichts Wesentliches. Außer, dass bei dir gerade ein paar Wolken am Himmel vorbeiziehen.

An diesen Tagen musst du gar nichts tun und auch deinen negativen Gedanken und Gefühlen keine große Bedeutung schenken. Du musst sie nicht umkehren, verteufeln oder wegzaubern.

Es ist einfach nur ein schlechter Tag, der genauso wie ein Regentag, auch wieder von selbst verschwindet.

Sie sagen: Ändere dein Leben

Dann gibt es die Gedanken und Gefühle, die uns auf einen Missstand in unserem Leben hinweisen wollen. Dass wir etwas verändern sollen.

Ganz ehrlich – was würde passieren, wenn du diese negativen Gefühle ignorierst und mit einem Lächeln wegstreichst?

Früher oder später bleibt dir das Lachen im Hals stecken und der Schaden, den du vor allem dir zugefügt hast, ist enorm.

Diese zu erkennen und zu akzeptieren, helfen dir wieder das Steuer in deinem Leben zu übernehmen, bevor du den Abgrund hinab stürzt.

Sie sagen: Heute ist mir einfach nicht zum Lachen.

Ja, du bist traurig, verärgert, wütend, gekränkt.

Ja – das kann vorkommen. Ehrlich

Und ja – es ist dein Recht, dich auch genauso zu fühlen.

Daran muss auch nichts verändert werden. Im englischen gibt es den schönen Begriff „to fix something“. Was so viel bedeutet, wie etwas wieder gut machen, etwas reparieren.

Tatsache aber ist, dass wir nichts „fixen“ müssen, vor allem uns nicht. Wenn wir jemanden/etwas verloren haben, dann dürfen wir traurig sein – solange wir möchten. Wenn wir uns geärgert haben – yep, dann dürfen wir unseren Ärger Luft machen.

Negative Gefühle sind gleichberechtigt

Dürften wir uns „kleine“ oder auch mal größere Stimmungsschwankungen erlauben, ohne sofort als „abnormal“ oder „krank“ oder „noch nicht gut genug“ diagnostiziert zu werden, müssten wir diese Gefühle nicht verdrängen.

Durch das Verdrängen oder „ins positive umkehren“ geht es uns nicht besser. Zumindest nicht auf Dauer. Viel eher ist es so, dass wir verdrängen, verdrängen, verdrängen, bis unsere Seele tatsächlichen Schaden genommen hat und wir wirklich ernsthaft krank sind. Oder wir ständig das Gefühl haben, nicht für dieses Leben geschaffen zu sein, weil wir das happy-sein nicht auf die Reihe kriegen.

Erst wenn wir lernen, unsere negativen Emotionen als gleichberechtigt anzusehen, sie neben den positiven Gefühlen existieren und diese auch ausdrücken dürfen, wird es uns gelingen, einen gesunden Kontakt zu unseren eigenen Bedürfnissen aufzubauen. Im Gegenzug wird es uns auch leichter fallen, einen besseren Kontakt mit unserer Umwelt herzustellen und empathisch auf deren Bedürfnisse eingehen zu können.

Fazit:

Negative Gefühle sind nicht schlechter oder besser, als positive. Manchmal brauchen wir sie gar nicht beachten. Manchmal wollen sie uns etwas Wichtiges sagen.

Auf alle Fälle brauchen wir sie nicht verteufeln oder aus der Welt räumen. „Immer happy“ ist eine Utopie. Wir halten diesen erzwungenen Glückszustand auf Dauer nicht aus, ganz im Gegenteil – das Unglücklichsein ist mit diesem Versuch vorprogrammiert.

Wie geht es dir mit dem „immer happy“ sein? Springt du auf diesen Zug auf und versuchst negative Gefühle wegzulächeln? Oder stehst du zu deinen Gefühlen und kannst sie so akzeptieren, wie sie gerade da sind?

Hinterlasse einen Kommentar, ich bin sehr neugierig, wie deine Meinung dazu ist.

Alles Liebe

Silvia

2017-03-12T15:20:04+00:00

6 Comments

  1. Michaela 7. März 2017 at 14:04 - Reply

    Liebe Silvia,
    ein sehr schöner Beitrag – danke dafür!
    Ich habe auch den Eindruck, dass man hin und wieder mal einen schiefen Blick erntet, wenn man schlecht drauf ist oder negative Gefühle zulässt. Und auf der anderen Seite streben wir nach Vollkommenheit. Und dahingehend sehe ich es so: Vollkommenheit gibt es nur durch die Polarität, die Integration beider Seiten. Tag/Nacht, Regen/Sonne, gut/böse, schwarz/weiß – das alles heißt gut angesehen, beobachtet und ggf. miteinander verbunden zu werden. Das heißt meiner Ansicht nach nicht, dass man ständig beide Seiten gleichermaßen ausleben muss! Lediglich sehe ich es als wichtig an, zu wissen, dass „in der Mitte sein“ nicht heißt, sich auf einen Punkt zu reduzieren, sondern sich seiner breiten Facette bewusst zu sein.
    Viele Grüße,
    Michaela

    • Silvia Chytil, M.Sc. 7. März 2017 at 14:06 - Reply

      Liebe Michaela,

      danke vielmals für deine Nachricht.

      Ich sehe es genauso. Aus der Mitte heraus bedeutet für mich, für alles offen zu sein und dadurch viel mehr Möglichkeiten zu haben. Weder links noch rechts, oben noch unten, schwarz und weiß ist schlecht oder gut. Sondern es ist immer nur eine von vielen Möglichkeiten. Und darum geht es doch – ein Leben voller Vielfalten zu leben und sich nicht einschränken zu lassen.

      Alles Liebe
      Silvia

  2. Rita 7. März 2017 at 14:05 - Reply

    Liebe Silvia, gut, dass du dieses Thema aufgegriffen hast. Die meiste Zeit bin ich gut drauf, fröhlich, kreativ und happy. Aber es gibt auch die Momente, wenn mich mein Partner über Kleinigkeiten angemault hat oder meine Mutter sich in mein Leben einmischen will, dann hört das Happy-Sein auf. Darüber kann man auch nicht happy sein, es sei denn, man nimmt diese Personen nicht ernst. Dazu habe ich mich schon oft gefragt, wie ich damit besser klarkommend könnte. Aber es bohrt in mir und ich brauche schon einige Zeit, um das aus meinem Kopf zur Seite zu wischen. Durch diese Happy-Kultur habe ich deshalb auch das Gefühl ich habe versagt, versagt bei der Partnerwahl, beim Umgang mit meiner Familie. Dein Artikel zeigt mir, dass es eine Illusion ist, mit dem immer happy. Das ist ein echt großes Thema. Auch der Umgang mit Miserfolgen hängt dadran. Silvia bleib dran ….

    • Silvia Chytil, M.Sc. 7. März 2017 at 14:09 - Reply

      Liebe Rita,

      danke vielmals für deine Offenheit.

      Ja, ich sehe auch immer wieder, dass wir verlernt haben, auch negative Gefühle und Gedanken zuzulassen. Für mich ist es ein Kreislauf. Wenn ich nicht zugeben darf, dass es mir auch mal schlecht geht oder ich unzufrieden bin, dann landen wir in der Abwärtsspirale. Weil es plötzlich nicht mehr nur eine Situation ist, die mir nicht passt. Sondern plötzlich bin ich schlecht und falsch. Und ich „muss besser“ werden.
      Aber das geht nicht!

      Ich bin so froh, dass du es für dich erkannt hast!
      Alles Liebe
      Silvia

  3. Maike 8. März 2017 at 14:05 - Reply

    Liebe Silvia,
    Du sprichst mir aus der Seele! Unser Leben besteht aus allen Gefühlen und Gedanken, damit entwickeln wir uns weiter. All meine Geschichten, die ich schreibe , haben das inzwischen zum Fokus: Mut zu machen, wenn die Selbstverwirklichung Stress macht. Zum Glücklichsein gesellt sich dann schnell noch die Perfektion , alles im Griff haben zu müssen. Ich habe mich fürs echt sein entschieden. Ich möchte das ganze Leben, das Ganze leben.
    Liebe Grüße
    Maike

    • Silvia Chytil, M.Sc. 8. März 2017 at 14:10 - Reply

      Liebe Maike,

      ich finde auch, ganz sein und alles zulassen, hält uns auf Dauer am gesündesten und produktivsten. Und wir können das Leben in vollen Zügen genießen. Ohne eine Rolle spielen zu müssen.

      Danke für deine lieben Zeilen.
      Alles Liebe
      Silvia

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