The Big Flow

Flow Silvia Chytil

Bevor wir selbst merken, dass wir im Flow sind, nehmen es andere an uns wahr. Unsere Augen leuchten, wir lächeln vor uns hin und gehen voll und ganz in unserer Tätigkeit auf. Alles fließt. Das rundherum nehmen wir kaum wahr. Lässt uns der Flow allerdings hängen, will er nicht und nicht eintreten, dann sind wir frustriert, genervt, vielleicht auch gestresst oder verärgert. Es gibt kein Patentrezept, aber es lohnt sich definitiv diesem Phänomen auf die Spur zu gehen. 

Ich sitze vor einem weißen Blatt Papier und möchte einen Artikel zur Blogparade von Cornelia Lütge http://www.cornelialuetge.de/2015/07/20/the-big-flow/ zum Thema Flow schreiben. Bereits zum dritten Mal beginne ich den Text und verwerfe ihn wieder. Es soll doch ein Artikel über Flow werden. Und keiner über Blockaden. Wobei ich darüber wohl jetzt ein ganzes Buch schreiben könnte.

Doch genau der Flow will sich gerade nicht einstellen. Warum eigentlich?

Ich lass mir noch schnell einen Kaffee runter und dann aber wirklich. Möchte den Text heute fertig machen. Meine To-DoListe quillt über – habe wirklich noch mehr als genug zu tun.

Also – Flow….

Eines stelle ich gerade fest. Flow funktioniert nicht, wenn wir ihn uns wünschen. Ein ziemlich sturer Kopf. Kommt und geht, wie es ihm gerade passt. Hält sich nicht an Regel oder Zeiten. Ist nicht zur Stelle, wenn wir ihn ganz dringend benötigen. Lässt sich nicht einmal bitten oder bestechen.

Wir können ihn nicht sehen. Er hört nicht auf unser verzweifeltes Rufen. Er erscheint auf leisen Sohlen und kaum wollen wir ihn fassen, ist er auch schon wieder weg.

Was also ist Flow?

Vor einigen Jahren schrieb ich an einer 100-seitigen Arbeit. Der Anfang war zäh, wie jedes Projekt, das noch in den Kinderschuhen steckt. Es dauerte eine Weile, bis ich in die Gänge kam. Ich hielt mich an ein festes Ritual. Zu meinem morgendlichen Kaffee machte ich mir Notizen über den ungefähren Inhalt und den Aufgaben des jeweiligen Tages. Dann setzte ich mich vor meinen Computer und begann zu schreiben. Und schrieb und schrieb und schrieb.

Zumeist war es bereits Mittag, mein Magen knurrte, als ich wieder auf die Uhr blickte. Die Zeit dazwischen war verflogen. Ich war quasi nicht anwesend. Es war, als ob jemand Anderer die Kontrolle übernahm und ich nur meine Finger zur Verfügung stellte, die fleißig über die Tastatur huschten. Und so ging es über zwei Wochen lang. Die Arbeit wuchs und wuchs. Jeden Abend freute ich mich auf den nächsten Tag.

Wusste ich doch nicht, was er mir bringen würde. Fast wie ein kleines Kind, am Abend vor Weihnachten. Nur, dass ich dieses Gefühl zwei Wochen lang genossen konnte. Eigentlich war ich enttäuscht, als die Arbeit fertig war. Der Vorgang des Entstehens war für mich ein großartiges Erlebnis, eine beeindruckende Erfahrung.

Ein anderes Wort für Flow

Diesen Zustand, den ich damals durchlebte, nennen wir gemeinhin Flow. Ich nannte es nicht so. Wahrscheinlich kannte ich den Namen damals nicht einmal. Ich benannte es gar nicht. Ich konnte nur das Gefühl benennen, das mich damals durchzog. Es war Glückseligkeit.

Es war ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit und Dankbarkeit. Da gab es keine Schwere. Alles war leicht und floss. Es gab ein Endziel. Aber der Weg dorthin war nicht definiert. Ich erlebte Überraschungen, AHA-Momente, musste hin und wieder auch paar Schritte zurück gehen. Aber die Leichtigkeit trug mich durch die Arbeit.

Was mich damals so sehr faszinierte und heute noch tut, wenn ich in den Flow komme, ist dieses Gefühl des Entstehens, ohne mich dabei anzustrengen. Es passiert einfach. Oft genug investiere ich sehr viel Zeit, aber aufhören kommt nicht in Frage. Ich muss dran bleiben, bis es für mich vollendet ist. Meine Familie kennt diesen Zustand mittlerweile. Es sind jene Momente, in denen ich mit „mhm“, „jaja“ antworte, kaum von meiner Arbeit aufblicke und in Nachhinein keinen blassen Schimmer vom Gespräch mehr habe.

Lange Zeit dachten Wissenschaftler, Flow ist gleich zu setzen mit Ruhe, Stille, entspannen. Mittlerweile wissen wir, dass dieser Zustand das Tun verlangt. Er erscheint uns nicht, wenn wir einer tristen Tätigkeit nachgehen oder träge auf dem Sofa liegen. Im Gegenteil, wir müssen aktiv sein. Unsere Aufgabe muss uns herausfordern (nicht über- oder unterfordern) und uns trotzdem (oder gerade deshalb) viel Spaß bereiten. Dann versinken wir im Hier und Jetzt versunken, sind frei von Sorgen und Problemen.

Flow auf der Flucht

Flow benötigt ganz bestimmte Umstände. Er benötigt Raum und Zeit. Er verabscheut starre Regeln, rigorose Pläne und übertriebene Erwartungen. Kontrolle ist sein natürlicher Feind.

Sobald der Flow weiß, dass er nur 30 Minuten Zeit hat und ein bestimmtes Ergebnis abliefern muss,  rafft er sich erst gar nicht auf.

Wo Kreativität verboten wird, kann Flow nicht entstehen. Klick um zu Tweeten

Wenn ich zurück denke, stelle ich fest, dass in vielen Unternehmen, in denen ich arbeitete, der Flow einfach nicht erwünscht war. Neue Ideen wurden im Keim erstickt – wir haben das immer schon so gemacht. Großartige Lösungen für Kunden nicht realisiert – wer soll das bezahlen. Kreative Konzepte nicht ausgearbeitet – dafür haben wir keine Zeit.

Da mag es nicht weiter verwundern, dass die Mitarbeiter frustriert Dienst nach Vorschrift betreiben und die Zahl der Krankenstände zunehmen.

Wenn die Muse küsst

Heute weiß ich um den Zustand der Glückseligkeit und sie ist mittlerweile eine Maßeinheit geworden. Für gewisse Dinge möchte ich in de Flow kommen, sonst ist das Ergebnis nicht optimal. Dann ist es einfach nicht rund, die Arbeit hat noch zu viele Ecken und Kanten. Dann muss ich nachbessern, was allerdings niemals die großartigen Ergebnisse bringt, wie wenn es in einem Guss (im Flow) entsteht.

Um dies zu erreichen, gebe ich mir Zeit und Raum  für Dinge, die einfach entstehen. Ich lasse es passieren. Gebe die Kontrolle ab. Setze mich nicht unter Druck. Und entwickle meine eigenen Rituale.

Für das Schreiben eines Artikels zum Beispiel verwende ich zumeist die ersten zehn bis fünfzehn Minuten im einfach drauf los schreiben. Da entstehen keine ganzen Sätze, oft hat es noch nicht mal wirklich mit dem Thema zu tun. Sondern schreibe einfach alles auf, was in meinem Geiste herum schwirrt. Mache meinen Kopf frei. Und irgendwann, wie aus dem Nichts, besucht mich meine Muse und übernimmt die Führung.

Diese Rituale sind sicher von Mensch zu Mensch verschieden. Die einen sind im Morgengrau am kreativsten, Andere wiederum wahre Nachteulen. Voraussichtlich ist eine der schwierigsten Aufgaben, den Rhythmus seiner persönlichen Muse zu kennen und sich auch danach richten zu können.

Es ist zwar nicht so, dass wir diesen Zustand herbei zwingen können, aber wir können ganz sicher Rituale entwickeln, die es vereinfachen, uns ins Fließen zu bringen.

Fazit:

Vielleicht ist Flow ein Modewort. Wahrscheinlich wird es auch überstrapaziert und ein Hype daraus gemacht. In einer Zeit, in der alles schnell, schnell gehen muss, kein Geld für Außergewöhnliches zur Verfügung steht, wir Tag und Nacht erreichbar sein müssen, fällt uns das „sein“ lassen extrem schwer. Auch wenn Ruhe und Stille nicht den Zustand des Flows beschreibt, ist es doch Voraussetzung. Erst dann kann Kreativität, Herausforderung und Spaß entstehen.

2017-03-11T19:55:32+00:00

One Comment

  1. Cornelia 23. Oktober 2015 at 12:54 - Reply

    Liebe Silvia,

    die Muse hat dich wach geküsst. Auch wenn sie sich 3x bitten ließ. Und ich kann sehr gut nachvollziehen, was du hier so lebendig beschreibst: „Flow benötigt ganz bestimmte Umstände. Er benötigt Raum und Zeit. Er verabscheut starre Regeln, rigorose Pläne und übertriebene Erwartungen. Kontrolle ist sein natürlicher Feind.“ Der Aspekt mit den Ritualen ist besonders hilfreich, finde ich. Wenn die passen, dann hat der Flow eine reele Chance.

    Herzlichen Dank für’s Mitmachen! Dein Beitrag hat meine Blogparade sehr bereichert!

    Herbstgruß nach Wien,
    Cornelia Katinka Lütge

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